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Zustand der Verliebtheit

INHALT > ICH > Theologisches

Über den Zustand der Verliebtheit.

Wer träumt nicht von einer Vereinigung mit einem geliebten Du, ob je einmal erlebt oder nur ersehnt...:

"Ich nehme die Menschen zum Gleichnis, die in der Leidenschaft des erfüllenden Eros so vom Wunder der Umschlingung verzückt werden, dass ihnen das Wissen um Ich und Du im Gefühl einer Einheit untergeht, die nicht besteht und nicht bestehen kann. Was der Ekstatiker Einung nennt, das ist die verzückende Dynamik der Beziehung; nicht eine in diesem Augenblick der Weltzeit entstandene Einheit, die Ich und Du verschmilzt, sondern die Dynamik der Beziehung selbst, die sich vor deren einander unverrückbar gegenüberstehende Träger stellen und sie dem Gefühl des Verzückten verdecken kann. Hier waltet dann eine randhafte Übersteigerung des Beziehungsakts; die Beziehung selbst, ihre vitale Einheit wird so vehement empfunden, dass ihre Glieder vor ihr zu erblassen scheinen, dass über ihrem Leben das Ich und das Du, zwischen denen sie gestiftet ist, vergessen werden. Hier ist eine der Erscheinungen des Randes, zu dem sich die Wirklichkeit hinbreitet und an dem sie verschwimmt. Aber grösser als alle Rätselwebe am Rande des Seins ist uns die zentrale Wirklichkeit der alltäglichen Erdenstunde, mit einem Streifen Sonne auf einem Ahornzweig und der Ahnung des ewigen Du."

Unvermerkt vielleicht, zeigt uns Buber am Ende dieses Textes eine Möglichkeit auf, wie wir aus dieser Verschwommenheit aus Wirklichkeit und ekstatischem Gefühl einer unwirklichen Einheit heraus wieder festen Boden gewinnen könnten:

"Aber grösser als alle Rätselwebe am Rande des Seins ist uns die zentrale Wirklichkeit der alltäglichen Erdenstunde, mit einem Streifen Sonne auf einem Ahornzweig und der Ahnung des ewigen Du."

Wie wenig Anstrengung kostete der Blick weg von sich selbst hinaus in die Welt, wo der Ahornzweig in der Sonne leuchtet, ungerührt von allem gleichzeitigen Geschehen. Wie gut täte dies, z.B. in einem Moment, wo man sich selbst nicht mehr zu lösen vermag aus einer Bindung, von der man glaubt, ohne sie nicht mehr leben zu können.

Wie schwer dies ist, aber auch wie viel Kraft im Wirken der Natur liegt, habe ich sehr eindringlich selbst erlebt, als ich in einer tiefen Depression steckte und mich ein Freund hinauszog auf einen Frühlings-Spaziergang in die aufblühende Natur. Noch nie je zuvor empfand ich den Anblick der sprossenden Blatttriebe an den Sträuchern, noch mehr die Blüten an den Bäumen, ja jeder zartgrüne schwache Grashalm wie Nadelstiche, - ja Messerstiche! Jeder Blick in die so ungehemmt sich entfaltende Natur löste eine Welle von Schmerzstössen in meinem Inneren aus. Ich musste es hineinfressen, verbergen vor meinem Begleiter, weil es nicht zu erklären gewesen wäre und ich auch selbst es nicht verstehen konnte.
Ich war gefangen in mir selbst, verwickelt in meine eigenen Bindungen und Gefühle, unfähig, Kontakt aufzunehmen mit der so offen und lebensbejahend sich präsentierenden Frühlingswelt, krampfhaft verbissen in die Abwehr alles Lebensbejahenden.
Es gelang mir aber nicht, mich selbst in die innere Dunkelheit zu versenken, sodass mir alle Zeichen des sprossenden Lebens wie eine sadistische Quälerei vorkam. Ich weiss nicht mehr, wie ich damals diese Stimmung überwinden konnte und wie ich wieder in den Alltag zurückfand. Irgendwie war es mir scheinbar gelungen, und ich konnte mich irgendwann dann auch wieder aus dieser Depression lösen. Dieses Erlebnis hat jedoch in mir eine bleibende Erinnerung ausgelöst: diese lebensabweisenden Gefühlsempfindungen von damals haben sich in mir umgeprägt in ein umso positiveres Empfindungsvermögen. Seither erscheint mir jedes sprossende Zweiglein in der Natur viel eindringlicher als ein Zeichen der Hoffnung, löst jede Blüte eine innere Freude und ein Staunen aus, spüre ich Dankbarkeit gegenüber meinem eigenen Sein auf dieser Welt...!

Und wenn es nur "Opium für das Volk" wäre, dieser Gottesglaube und die Religion, so hilft mir doch der Glaube an ein "ewiges Du" über meine eigene Befangenheit, über meine unerfüllten Sehnsüchte hinweg. Erlebte Gefühle und Zeitabschnitte im "Wunder der Umschlingung", des Einsseins mit einem geliebten Menschen, öffnen sich so aus der Gefangenheit einer selbstsüchtigen Beziehung zum Blick auf ein Du, das sich nicht im Besitzen-Wollen, im "Haben" erfüllt, sondern in der Erkenntnis, dass jede "Einung" letztlich immer nur eine Auswirkung in unserer Zeit, nie aber ein Ersatz für die Ahnung eines ewigen Du sein kann.

Es liegt ein hoher Anspruch in solchem Denken, und es braucht sicher lange Lebenserfahrung und manches Straucheln, bis es gelingt, sich zufrieden und glücklich zu fühlen, ohne durch Besitzen-Wollen auf Kosten eines Du sich sein Glück zu erringen. Auch ich habe noch viel zu lernen...


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