tinjo's HOMEPAGE


Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü


zum Jahreswechsel - nicht allein ins neue Jahr...

ZUM TAG > Das Wort zum Sonntag 2011


... nicht allein ins neue Jahr hinein ...


So lautet der Text auf dem Deckblatt eines Traktätchens, (Flyer sagt man heute!) das am Silvester in meinem - vielleicht sogar in jedem - Briefkasten der Schweiz lag.

„nicht allein..."

Das erinnert mich an die Aussage des Murger Pfarrers, der für die Weihnachts-Festtage empfahl: „Bleibt nicht allein!“. Man solle rechtzeitig für „nette Gesellschaft“ besorgt sein, "damit Besinnlichkeit nicht in eine melancholische Stimmung kippt"

In diesem Flyer steht nichts von „netter Gesellschaft“. Da wird zuerst einmal aufgelistet, was uns alle an der Schwelle zum neuen Jahr Sorgen mache: die kriselnde Wirtschaft, die hohe Staatsverschuldung und wachsende Umweltprobleme. Dies alles würde uns zusetzen. Ob sich die Lage stabilisiere oder ein neuer Crash befürchtet werden müsse, bleibe eine offene Frage. Doch nicht nur das beschäftige uns, sondern auch im persönlichen Umfeld sei vieles ungewiss: „Wie wird sich die Beziehung in Ehe und Familie entwickeln?“ Und ob wir „den Anforderungen im Job gerecht werden“ können.
Wohl nicht ganz daneben liegt die Vermutung, diese Herausforderungen würden „manchmal unsere Kapazität“ übersteigen. Weniger beipflichtend lese ich, wir hätten Angst, „dass uns das Leben aus dem Ruder läuft“ und dass wir uns davor fürchteten, „die Situation nicht mehr meistern zu können.“

Nach dieser an alle gerichtete Einleitung werde ich dann persönlich angesprochen: „Wenn dich solche Gedanken plagen, dann betäube sie nicht mit flüchtigen Vergnügungen. Resigniere nicht!“

Soll ich also doch eher den Rat des Murger Pfarrers befolgen und mich um „nette Gesellschaft“ bemühen, wenn meine Stimmung zu kippen droht?

Nein, da wird anderes empfohlen. Mein Leben sei zu wertvoll, als dass ich es einfach verschwenden soll. Da stimme ich zu! „Nette Gesellschaft“ kann ich ja erstens nicht immer um mich haben und zweitens bin ich ganz gerne auch allein.
Falsch!
„Nicht allein ins neue Jahr hinein“, steht in der Einleitung zu diesem Traktat.
Und jetzt kommt, was man in Theologenkreisen - etwas überheblich vielleicht - als „Jesuskurve“ bezeichnet:
„Du musst in Deiner Situation nicht allein klarkommen. Jemand will dir helfen. Jesus Christus lädt alle Menschen ein.“
Es folgen die passenden Bibelzitate – auf die komme ich zurück - und darauf Beteuerungen, dass Christus bereit sei, mir zu helfen.

Ganz unauffällig wird dieser Hilfszusage beigefügt: „Er möchte zuerst deine Vergangenheit in Ordnung bringen“.

Das erinnert mich an Johannes den Täufer, der in der Wüste rief: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe“! (Mt 3, 1.2) Er hat das Volk zurück auf den rechten Weg, zu einem Gesinnungswandel, aufgerufen. Er forderte als Eigenleistung die Bereitschaft, den bisherigen Lebensweg zu überdenken und taufte, wer bereit war, sich für die grosse Verheissung vorzubereiten. Von dieser werde dann jener zeugen, „der nach mir kommen wird, welcher vor mir gewesen ist, des ich nicht wert bin, daß ich seine Schuhriemen auflöse“ (Joh 1,27)

In diesem Flyer steht nichts vom Täufer Johannes. Jesus selbst werde mir helfen, zuerst meine Vergangenheit in Ordnung zu bringen. Denn einiges sei mit mir nicht in Ordnung. Und das müsse zuerst geregelt werden. Erst dann darf ich ihm begegnen.

Da seien „dunkle Punkte“ in meinem Leben und ich hätte, „wie alle Menschen“, gesündigt und dadurch sei „eine Schuld gegen Gott und Menschen entstanden“, die mich belaste.
Mit echter Busse und einem ehrlichen Bekenntnis kannst du deine ganze Sündenlast bei ihm abladen.“
Er verlange
„dafür keine Gegenleistung, kein Geld, keine guten Werke.“

„Wenn du an Jesus Christus glaubst, bist du nie mehr allein, denn Er verspricht dir: Siehe ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters“ (Matthäus 28,20) “ .Es lohne „sich wirklich, zu ihm zu kommen und sich ihm völlig anzuvertrauen!“ Genug Grund sei dies, sich für Jesus Christus zu entscheiden und mit ihm ins neue Jahr zu gehen!

Sicher ein schöner Gedanke, immer jemanden bei sich zu wissen, der schaut, dass alles gut und richtig läuft. Wer möchte sich denn dieser Offerte verschliessen!

Wenn da nur nicht dieser dunkle Punkt wäre...

Ganz einfach sei der zu überwinden: „Du darfst einfach zu ihm kommen: Bekenne ihm einfach dein Versagen. Nenne ihm deine Sünden mit Namen und sag Ihm, dass sie dir leid tun.“

Und wenn ich mir gerade jetzt, wo ich mich entschliessen könnte, einen neuen Weg zu gehen, keiner aussprechbaren Sünden bewusst wäre, die mich belasten – bleibt mir dann der Zugang zu diesem Jesus Christus verwehrt?
Wie und wo finde ich ihn?

Christus habe am Kreuz „die Strafe für meine Sünden getragen"„ und ist gestorben, „damit Gott mir meine Schuld vergeben kann.“

Mit „echter Busse“ und „einem ehrlichen Bekenntnis“ könne ich meine „ganze Sündenlast bei ihm abladen.“ Wenn ich diese Vorbedingungen erfüllt habe, dann – wird versprochen – möchte Jesus Christus mir in der Zukunft beistehen, weil er meine Situation kenne und wisse, was im neuen Jahr auf mich zukomme. Er werde mir „die Angst vor der Ungewissheit wegnehmen.“.

Diese „Frohe Botschaft“, dass da einer für unsere Sünden gebüsst hat und wir dankbar dafür sein müssen, mag manche Leserinnen und Leser dieses Flyers an den vielleicht lange zurückliegenden Religionsunterricht oder Gottesdienstbesuche erinnern, oder an die guten Vorsätze, wieder einmal die Bibel hervorzunehmen oder sogar zu beten. Ja, vielleicht ist das eine der Sünden, die es zu bekennen gilt, dass ich mich zu wenig um Gott und diesen Jesus bemüht habe? Doch so spontan wie gute Vorsätze gefasst werden, so schnell verflüchtigen sie sich, wenn der innere Antrieb dazu fehlt. Vielleicht ist das eine der Sünden, die es zu bekennen gilt, meine Gleichgültigkeit oder gar ein Desinteresse an Glaubensfragen?

Mag sein, dass dieser Flyer Menschen aufzurütteln mag und sie wirklich "zu Jesus Christus" führt und sie davor gerne ernsthafte Reue für ihren früheren sündigen Lebenswandel bekennen, um für das hoffnungsvolle Neue frei zu werden.

In mir aber hat diese Botschaft nach dem ersten Lesen Ärger ausgelöst:

Nicht wegen der sicher nur gut gemeinten Missions-Absicht, die dahinter steckt.

Doch da wird an die christliche Botschaft erinnert und dazu eingeladen, "zu Jesus Christus zu kommen".
Ohne Gegenleistung, ohne dass dies Geld kostet, und auch keine guten Werke muss ich erbringen.

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstossen“, wird Jesus zitiert aus dem Johannes-Evangelium, 6,17.
und „ Kommt her zu mir, alle, die ihr euch abmüht und beladen seid, und ich werde euch Ruhe geben.“ (Matthäus 11,28)

Doch dann folgte dieser unauffällig platzierte Satz, der jegliche allfällig aufgekommene Zustimmung verblassen lässt: Zuerst, bevor jemand willkommen ist, werde Jesus seine Vergangenheit in Ordnung bringen.
Also doch kein Zugang ohne jede Bedingung!

Da laden die Guten, die Bekehrten und Rechtgläubigen alle ein, sich Jesus Christus zuzuwenden. Gratis und franko und ohne jede Verpflichtung! Doch kaum ausgesprochen, werden Bedingungen gestellt und verbindliche Schuldzuweisungen ausgesprochen. Die Aussenstehenden sind alle Sünder. Erst wenn sie bekennen und bereuen, dass sie Schuld auf sich geladen haben, werden sie durch den "Kreis der Auserwählten" zu Jesus vorgelassen, der dann als Erstes ihnen ihre Last abnimmt und sie reinwäscht von allen Sünden. Dann gehören sie zu jenen Bekehrten - so kommt es mir vor - die Jesus schützen wollen vor den Unwürdigen.

"Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach", beten Gläubige vor dem Empfang der Heiligen Kommunion bei der katholischen Eucharistiefeier. "Doch sprich nur ein Wort, dann wird meine Seele gesund" , folgt darauf. Und dann ist man würdig, den "Leib Christi" zu empfangen.

Auch das ist eine hinterfragbare Vorbedingung für eine Handlung, die
communio " Gemeinschaft mit Christus bedeutet.

Mich stimmt es traurig, dass Aussenstehende von Glaubenshütern erst dann zur Gemeinschaft mit Jesus zugelassen werden, wenn sie unüberprüfbare Gewissens-Bedingungen erfüllt haben. (Wer hat den unfehlbaren Einblick in das Gewissen eines Menschen?)

Das nenne ich Pervertierung der frohen Botschaft!

Im Flyer wird Jesus auch so zitiert:

"Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstossen“ (Joh 6,37)

Johannes der Täufer hat auf das Kommen Jesu vorbereitet. Auf jenen, dessen er nicht wert sei, dass er ihm seine Schuhriemen auflöse. (Joh 1,27) Das heisst, als dieser Jesus da war, hatte Johannes seine Pflicht getan und hörte nur noch auf ihn und folgte seinem Rat, wie das Volk, das sich um Jesus scharte, .

Das gilt auch heute noch. Kein Mensch ist würdig genug, Eintrittsbedingungen zu stellen. Wer Jesus "in sein Haus einlädt" oder sich von ihm einladen lässt, braucht niemanden mehr um Erlaubnis zu bitten. Er allein trägt die Verantwortung für sein Handeln und kein Mensch kann Jesus Vorschriften machen, wer ihm würdig ist oder nicht. Damit ist nicht festgelegt, dass die Gemeinschaft mit Jesus keine Konsequenzen nach sich ziehen wird. Sie wird solche haben, zweifellos! Aber sie stellt keine Vorbedingungen!

Das ist doch gerade das, was Jesus Christus unterscheidet von uns Menschen, und seien sie noch so gläubig und fromm oder noch so hoch gebildete und verehrte Christusnachfolger:
Der Zugang zu ihm steht allen Menschen offen, bedingungslos! Es ist sozusagen der

"kontrollfreie Gratisintritt zur 'himmlischen Gastvorstellung der grossen Verheissung' und geschieht auf eigene Verantwortung. Jegliche Haftung - menschlicherseits - für eventuell unwürdige oder schuldbeladene Eintretende ist ausgeschlossen und wird abgelehnt!"


Was hingegen als Auswirkung durch das Teilhaben an dieser "Vorstellung" geschieht, richtet sich nach den Vorstellungen und Richtlinien menschlicher Gemeinschaften und ist dementsprechend vielfältig und in der Wirkung beschränkt auf deren Wissen und Gewissen.

Wie findet man den wahren Zugang zur frohen Botschaft Jesu Christi? -


Ich wiederhole:


"Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstossen“ (Joh 6,37)



Ich wünsche allen ein gutes neues Jahr,
unbelastet von Vorurteilen und dunklen Gedanken,
Wohlgefühle der Dankbarkeit für das was wir sind und können,
offen für Begegnungen und neue Erfahrungen,
gesunde Harmonie zwischen Leistung und Erholung!

Martin Joos - tinjo

Suche

Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü