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Kind als Partner

ARCHIV > 2008

«Warum unsere Kinder Tyrannen werden»

Ein Diskussionsbeitrag zu einem Problem, das unsere Gesellschaft beschäftigt und in Zukunft noch mehr beschäftigen wird


übernommen aus : Nr.24 vom 9.6.2008 © 2006 Genossenschaft Zeit-Fragen,
Quelle: Deutschlandradio, Informationen am Morgen, 30.5.2008


Der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Michael Winterhoff, hat vor einer Machtumkehr zwischen Eltern und Kindern gewarnt. Dinge zu erklären könnte ein Anleiten und Führen nicht ersetzen. Winterhoff ist Autor des Buches «Warum unsere Kinder Tyrannen werden – Oder: Die Abschaffung der Kindheit».



KOMMENTAR:

Michael Winterhoff warnt

"vor Eltern und Erziehern, die Kinder zu Partnern aufwerten, die sie aufgrund ihres Entwicklungsstandes nicht sein können".

Dieser Satz machte mich stutzig, vertrete ich doch mit Überzeugung die These, dass es zu einem Kind keine andere Beziehung geben kann als eine partnerschaftliche!

Doch da widerspricht mir offensichtlich Winterhoff schwer mit seinen Aussagen:

"Die Fehler liegen auf der Erwachsenenseite. Das heisst, immer mehr Erwachsene sehen in Kindern Partner. Es gibt auch immer mehr Erwachsene, die wollen von Kindern geliebt werden. Es kommt dadurch zu einer Machtumkehr, und das Kind hat keine Chance auf Entwicklung."

Bereits zeigt sich der Konflikt, in dem ich zu Winterhoff stehe. Ich kann ihm voll beipflichten, wenn er kritisiert, dass Eltern (und auch "Pädophile"!!!) von Kindern geliebt werden wollen und dass er darin eine Machtumkehr sieht.

Aber das Wort "Macht" gefällt mir nicht! Es beschwört die alte Ansicht hinauf, dass Eltern ihre "elterliche Gewalt" ausüben dürften, damit das Kind ein rechter Mensch, sprich Erwachsener, wird! (Also wäre ein Kind noch kein vollwertiger "Mensch", erst ein zu diesem zu Erziehendes!)

Ich kann mich weiter voll einverstanden erklären mit seiner Forderung, dass wir "über Psyche reden" müssen und das wir Erwachsenen über eine "gleich aufgebaute Psyche" verfügen, im Gegensatz zum Kind, dem so "psychische Funktionen wie Frustrationstoleranz, die Fähigkeit, Frustrationen auszuhalten, eine Gewissensinstanz, soziale Fähigkeiten" erst eintrainiert werden müssten.

Hingegen sehe ich absolut nicht ein weshalb dies "auf der partnerschaftlichen Ebene nicht möglich" sein soll.

Es herrsche "heute die Vorstellung vor, dass man über Reden und Begreiflichmachen" erziehen könnte.
Er kritisiert die heute verbreitete Ansicht, man könne einem Kind einfach etwas vorleben, das man von ihm auch erwartet - und schon sei das Kind fähig dazu!

Kinder " wollen Psyche aufbauen, und das ist ein vollkommen anderer Prozess." Dieser Aufbau könne nicht über die "Ratio" geschehen.

Nun die für mich entscheidende Frage, die Winterhoff gestellt wurde:

  • "Was ist die Alternative zum Partnerschaftlichen?"


  • "Dass man ein Kind als Kind sieht."!


Aus dem Interview be i

Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern solle hierarchisch sein, sagt er. Sie solle nicht nicht vertikal aufgebaut werden nach dem Prinzip einer Partnerschaft. Das überfordere das Kind, deren letzte Variante aber eine Symbiose mit dem Kind sei, die dem Erwachsenen nicht mehr erlaube, zum Kind auf eine ihm förderliche Distanz zu gehen.

Ich sehe im Verhältnis von Partnerschaft und Hierarchie keinen Widerspruch. Bildlich dargestellt:
Wenn ich mit einem Kind spreche, muss es zu mir aufblicken. Gehe ich vor ihm ganz wörtlich "auf die Knie" kann ich "auf gleicher Ebene" zu ihm sprechen. Es besteht keine "hierarchische Blick-Distanz" mehr, obwohl das hierarchische Verhältnis zwischen Erwachsenem und Kind bestehen bleibt.

Die Gefahr in dieser Trennung von Hierarchie und Partnerschaft besteht in einer folgenschweren einseitigen Interpretation des Begriffes. Wenn "Partnerschaft" nur noch Gleichwertigkeit bedeutet, wie gleiche Gewichte auf beiden Waagschalen und die "Werte" in den beiden Waagschalen nicht so ausgeglichen werden, dass die Substanz des ins Gleichgewicht zu bringende ganz unterschiedlich sein kann, dann ist nach meiner Auffassung der Begriff "Partnerschaft" gleichzusetzen mit dem Material, aus dem Gewichtssteine bestehen. Ihre praktische Bedeutung haben diese einzig in der Zahl, an der ihr Gewicht abzulesen ist und dem Gewicht ihrer Masse, die der Zahl entspricht.

Er bringt im Interview bei Genossenschaft Zeit-Fragen als Beispiel das Verhältnis eines Tennistrainers zu ihm als Lernender: "der kann ja 30 Jahre jünger sein als ich. Der kann sich auch mit mir duzen. Aber auf dem Tennisplatz bin ich eindeutig sein Schüler."

Er sieht den Unterschied zwischen Schüler und Partner darin, dass ein Lehrer "entsprechend mich führen, mich lenken, mich spiegeln" darf, also trotzdem er mit dem Trainer auf gleicher Ebene steht, ist er im Moment, da er das Tennis erlernen will, in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis zu diesem.

In weiteren Beispielen des Erlernens, bzw. Nicht-Lernens von Kindern aus seiner Praxis zeigt er auf, dass Lernen nicht einfach mit Autorität beigebracht werden kann, sondern dass "ein Gefälle" dazugehört.

(Also genau das, was dem "Pädophilen" als Grund seines Unvermögens vorgehalten wird, sich gegenüber einem Kind richtig zu verhalten, weil ein "Machtgefälle" zwischen ihm und dem Kind besteht?)

Es sei ein "natürliches Gefälle", denn: "Ein Kind ist ein Kind, und ein Erwachsener ist ein Erwachsener."

Ich gehe jetzt mit Vorbehalten trotzdem weiter mit ihm einig, wenn er den ihm gemachten Vorwurf abweist, er sei mit seinen Forderungen "autoritär".

"Ich bin automatisch über dem Kind stehend, und ich habe ja eine Rolle.
Ich habe die Rolle als Vater, als Mutter, als Lehrer, als Erzieher. Das ist eine Rolle, und die kann ich nur einnehmen auch in dem Gefälle."

Nochmals geht eine Frage an Winterhoff, die meinen Begriffskonflikt klären könnte:

"Wie erklären Sie es sich, dass Eltern Partner ihrer Kinder sein wollen oder in den Kindern Partner sehen?"

Unserer Gesellschaft fehle "Orientierung, Anerkennung, Sicherheit".

"Wenn da draussen mich keiner liebt, soll mich mein Kind lieben."

Der Erwachsene, die Mutter, der Vater erkennt im Verhalten seines Kindes "ob ich gut oder schlecht bin". Klar möchten die Eltern dass sich das Kind auch "draussen" richtig verhält, aber was ist der tiefere Grund dafür bei den Eltern?

Nach Winterhoff kommt es zur

"Machtumkehr
Das heisst, der Erwachsene wird bedürftig, und das Kind soll die Bedürfnisse des Erwachsenen zufriedenstellen".

Dies sei kein bewusster Prozess, "aber der betrifft ja unglaublich viele Erwachsene."

Er bringt Beispiele: Auch früher hätte eine Oma ihren Enkel mit Lieblingsessen verwöhnt, "aber sie hätte gesagt: Du wäschst dir erst die Hände, wir setzen uns an den Tisch, wir fangen gemeinsam an, hören gemeinsam auf! Das heisst, sie hat erzogen." Heute setze eine Oma, die geliebt werden will, dem Enkel keine Grenzen mehr aus Angst seine Gegenliebe zu verlieren.

In der Oma entsteht eine Projektion. Diese hat eine fatale Wirkung:

"Wenn ich geliebt werden will, hat das Kind keine Chance auf Entwicklung."

Weil ein kleines Kind die Vorstellung hat, es sei allein auf der Welt und könne alle steuern und bestimmen und Erwachsene sich entsprechend steuern und bestimmen lassen, verunmöglichen sie dessen Weiterentwicklung.

Es besteht also eine Beziehungsstörung , die der Erwachsene lösen muss. Erster Schritt ist die Erkenntnis, dass ein solche vorliegt und behoben werden muss.

"die Kinder sind nicht dazu da, unsere Defizite, die wir haben, zu füllen."

Winterhoff sieht dieselben Schwierigkeiten im Bereich Kindergarten und Grundschule: auch dort werde "die Partnerschaftlichkeit als vorrangig gesehen". Man habe "die Vorstellung, sie hätten so etwas wie eine Persönlichkeit." Er hält dem entgegen, "dass die Persönlichkeitsentwicklung erst mit dem achten, neunten Lebensjahr beginnt".

Heute werde den Kindern "alles offen gelassen". Dies widerspreche "vollkommen neurologischen Grundsätzen". Also führe dies "dazu, dass die Kinder auch in diesen Bereichen sich nicht mehr weiterentwickeln können".

Winterhoff sagt, dass die "erste Beziehungsstörung, dass man Kinder als Partner sieht, als Massenprozess seit Anfang der 90er Jahre" feststellbar sei. Von Kindern geliebt zu werden, sei eine Beziehungsstörung, die seit acht bis zehn Jahren auftrete.

"Und es gibt seit vier, fünf Jahren eine noch viel gravierendere Beziehungsstörung: die Symbiose, in der der Erwachsene mit dem Kind verschmilzt."

Die Gefahr, partnerschaftlich zu werden, habe auch etwas mit Wohlstand zu tun.

Der Schweizer ­Pädagoge Johann-Heinrich Pestalozzi hat einen "Dreiklang" vorgeschlagen, was die Gesellschaft gegenüber ihren Kindern aufbringen soll:

  • "Zeit, Zärtlichkeit und Zuwendung",


Da will sich Winterhoff nicht weiter festlegen. Ausser dass für ihn gilt:

  • "Ein Kind müsste wieder als Kind gesehen werden."


Dies entsprach noch vor 20 Jahren einem "gesamtgesellschaftlichen Konsens."

  • "Nur wenn man Kinder als Kinder sieht und selbst abgegrenzt ist, dann kann man sich auf Intuition verlassen, und dann wird man das leisten, was Kinder brauchen zur Entwicklung."


All diesen Aussagen kann ich mich voll und ganz anschliessen, und es fällt mir auf, dass ziemlich parallel zu den von Winterhoff erwähnten Zeitabschnitten auch ein markanter Wandel geschah in der Bewertung des Begriffes "Pädophilie". Da bestehen sicher nicht zufällig Zusammenhänge. Für mich sind Winterhoffs Ausführungen im Gegenteil eine Bestätigung dessen, was sich ja in all meinen Kommentaren finden lässt:

Die Beziehungsstörung zum Kind, die in der Gesellschaft vorherrscht, wird auch auf "den Pädophilen" projiziert!

Selbstverständlich darf man "die Pädophilen" nicht aus der Gesellschaft isolieren als "etwas Besseres" oder "etwas Besonderes". Was wiederum einseitigerweise nicht so selbstverständlich ist: Man isoliert sie sehr wohl, als ein Gefahrenspotential, lässt sie aber nicht Teil der Gesellschaft sein, der sich den Erkenntnissen eines Herrn Winterhoffs anschliessen und danach leben könnte!

Doch nun noch ein Versuch, mein Begriffskonflikt zu lösen:

Herr Winterhoff unterscheidet zwischen einem partnerschaftlichen Verhältnis und einem Verhältnis, in dem ein "Gefälle" besteht, wie z.B. zwischen Lehrer und Schüler, Eltern und Kinder.

Für mich schliesst das eine das andere nicht aus, oder genauer:

  • Ohne partnerschaftliches Verhalten gibt es für mich kein Einvernehmen zwischen -z.B. - Lehrer und Schüler, Eltern und Kinder!


  • Partnerschaft schliesst das Bestehen eines Machtgefälles nicht aus - im Gegenteil: Nur wenn ich meinen Partner/meine Partnerin als "gleichwertig" betrachte, also als ein Mensch wie ich es bin (auch als Kind), kann ich mich menschenwürdig verhalten! Das steht der weiteren Vorgabe nicht im Wege, dass ich aufgrund meiner Lehr-, bzw. Lernfähigkeit in einem Machtgefälle gegenüber meinem Partner/meiner Partnerin stehe!


Sicher handelt es sich also nur um eine Begriffsdefinition, die mich von den Ansichten Winterhoffs unterscheidet. Ansonsten kann ich ihm wirklich voll zustimmen, auch wenn sich manche wundern dass "ein Pädophiler" so denken kann...




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