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Kaems Treue, Hilfsbereitschaft - Suizidgedanken

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Kaems Treue, Hilfsbereitschaft - Suizidgedanken

Kaem und der Eierjunge

Erinnerung und Existieren -  wenn ich sie nicht in Erinnerung behalte, haben sie nie wirklich existiert! Es gibt keine Geburtsscheine, sie haben keine Verwandten, niemand der sie im Gedächtnis behalten könnte und ich muss sagen, Kaem hatte viele Fehler, wie ich auch, aber er war ein herzensguter Mensch. Ich erinnere mich an diesen Tag, wo er zu mir sagte: Ich gehe dahin, wo du hingehst, egal wohin. Er war einer der Jungs, die mich gepflegt haben, die ihren Lohn mit mir teilen wollten.
Nun, ich kann nicht dahin gehen, wo er nun ist, sonst müsste ich an Selbstmord denken, was im Moment überhaupt nicht zur Diskussion steht. Aber wenn sie die Jungs vor Gericht zwingen, kriegst einen Abschiedsbrief.
Weißt du, seit dem Tsunami habe ich da eigentlich keine Angst mehr; ich kenn mich in der Beziehung leider zu gut, in einem solchen Moment drehe ich durch. Ich habe es ein paar Mal erlebt und einmal gerade so überlebt. Wenn jemand Kinder schlägt, zwingt oder ihnen ihr Essen wegnimmt, drehe ich total durch, werde ich total irrational.

Motorradunfall, Hilfsbereitschaft Gani (und seine spätere Frau) und Kaem, Nachbarn


Gestern Abend sind mir die ersten Tage nach meinem Motorradunfall durch den Kopf gegangen. Als Gani mich sah; kein Wort hat er gesagt, geschaut, sich umgedreht, raus gegangen und nach einigen Minuten zurückgekommen mit Tabak und Zigarettenpapier. Er hat sich auf den Boden gesetzt. Zu der Zeit hatte ich nur einen einzigen Stuhl. Da auf dem Fussboden beginnt er, Zigaretten zu drehen und mit einem Papierstreifen zusammen zu binden (kein Kleber am Papier). Für dich, sagt er. Zu der Zeit konnten wir nicht richtig miteinander sprechen (ich konnte zuwenig Thai). Ein wenig später kommt Kaem, dasselbe wiederholt sich und Kaem kommt zurück mit Fisch und Reis, die zwei kochen für mich. Es war eine Gemeinsamkeit die nicht viele Worte benötigt hat. Da, in der Zeit, ist eine echte, tiefe Freundschaft entstanden. Ich weiss, es ist verboten, sie im Haus zu haben, aber hättest du sie rausgeworfen? Kaum. Und mir war es unmöglich.
Gani hat mit mir zusammen das Haus eingerichtet, Wände, Türen gebaut, sogar mein Bett und Toilette, er war immer da. Für mich war es auch seine Wohnung, sein Zuhause, ja und sie werden älter, haben Freundinnen, irgendwann eine Frau und Kinder; es ist schön, wenn man das erleben kann.
Und irgendwie habe ich ihn nicht verloren, als er dann ’ne Frau hatte, sondern einfach eine Freundin bekommen. Sie war ein hübsches Mädel aus der Nachbarschaft, die ich längere Zeit kannte und Gani hat die Beziehung lange vor mir versteckt, bis ich mal sagte: bring sie doch einfach her. Er hat gedacht, er dürfe sie nicht zu mir nachhause bringen, aber für mich war es auch seines und er hatte jedes Recht, sie her zu bringen. Weißt du, es sind die kleinen Sachen, die eine solche Freundschaft ausmachen. Der Tabak hat etwa 12 Baht gekostet, fast ein halbes Mittagessen im Restaurant. Für ihn war es Geld, das er nicht hatte, er hat es damals von jemandem ausgeliehen. Kaem hat an diesem Tag einen alten Liegestuhl organisiert, damit ich nicht am Fussboden schlafen musste. Wir drei sitzen da und plötzlich kommt mein Nachbar und bringt vier Plastikstühle. Alle diese kleinen Erlebnisse haben mich vermutlich verändert.


Gani, Kaem, andere


Aber Gani habe ich nie geschrieben; auf meiner Seite, so nachträglich gesehen wollte ich das vermutlich privat halten, eine Beziehung, die zutiefst an meinen Gefühlen gerüttelt hat, die nur zwischen uns war, ohne Sex, nur Freundschaft, eine Art zusammengehören. Wenn ich die Jungs klassifizieren müsste: Gani, ein Junge, der alles, jede Erniedrigung, alles Schlechte in sich rein frisst, es niemandem zeigt. Und plötzlich explodiert, wie nach dem Erlebnis, als ihn die Bullen zusammen geschlagen haben, in hilfloser Wut auf meine Toilettentüre einschlägt.
Dann Kaem, ein nach aussen cooler Showtyp, der sogar die Leute als Geistermedium faszinieren kann, aber innerlich butterweich und unheimlich sensibel ist. Dann Uh, der nichts auf sich kommen lässt, der für Ernstfälle immer Edelstahl auf sich trägt und vermutlich auch zustechen würde, aber am Abend und in seiner Freizeit Bilder zeichnet; sehr schöne, von Haus und Familie, alle seine Wünsche da zum Ausdruck bringt und irgendwann plötzlich an deiner Schulter weint.
Dann noch der mit seinem lässigen Gang und Auftreten, versucht hat, seine Unsicherheit zu verbergen, der mit überlegenem Lachen versucht hat, besser zu sein, aber immer, wenn niemand es gesehen hat, zu mir ankuscheln kam.
Jeder von ihnen eine andere, aber liebenswerte Persönlichkeit.

Militärputsch  September 2006


Heute, bereits Mittwoch 20.9.2006 Alle Gerichtstermine gestoppt, Gerüchte über Militärputsch gehen um. Klar, dass uns hier drinnen keiner informiert. Mal sehen, ob auch Besuche gestoppt sind. Anscheinend Ausgangssperre im Land. Es ist irgendwie unnatürlich still heute.
Bereits Donnerstag. Wir durften TV schauen, haben ja alle möglichen Programme hier. Also überall Panzer und Militär auf den Strassen; alles ruhig, nicht mal eine Ausgangssperre. Bildung von Gruppen auf der Strasse über 5 Personen sind verboten. Heute bereits alles wieder offen, alle Ämter, Gerichte etc. wie wenn nichts passiert wäre. Ist ja auch so, die Thaiarmee ist grösstenteils ja eine Milizarmee wie bei uns, die Soldaten da auf der Strasse kriegen Blumen von der Bevölkerung. Grenzen sind geschlossen, keine Landverbindung offen. Eigentlich hat man das schon längst erwartet. Das einzige was mir Sorge macht ist, wie geht’s meinen Jungs, sind sie ok, gesund. Vielleicht komme ja heute die Mädels der DF.-Botschaft vorbei. Ja ja, man sollte nicht den Thais die Mentalität aufzwingen, es funktioniert nicht.

Thai-Mentalität

In den Jahren, wo ich mit Thais zusammen gearbeitet habe, habe ich vieles gelernt über ihre Mentalität und wie man sie motivieren kann. Viele Ausländer sagen, sie seien faul und träge; das stimmt überhaupt nicht. Ich hatte bei einem Schiffsumbau eine Gruppe von Schreinern. Alle, aber auch alle voll auf Gas. Es war lustig: damit ich meine Termine einhalten konnte, haben die Kerle echt Tag und Nacht durchgearbeitet, lachend, zum Teil singend und es hat funktioniert. Die Leute hier müssen Spass an der Arbeit haben, wenn nicht, kommen sie einfach nicht mehr. In den 10 Jahren hier hatte ich nie Probleme mit Thais; ich habe viele Thai-Freunde gefunden (männlich und weiblich), Erwachsene wie du und ich.

Thai-Sprache, Spenden an 16jährigen Mitgefangenen

Ich bin übrigens immer noch am Thai lesen und schreiben lernen. Es geht schon ziemlich fleissig, versuche diese Geschichten über die Jungs auf Thai zu schreiben, so lerne ich jeden Tag etwas dazu. Hm, vielleicht lege ich dir das Sudelblatt – noch Geschichte – bei. Irgendwie muss ich mich ja geistig fit halten. Soeben waren die Mädels da. Ich hab’s wieder mal getan, ja ja, bin schuldig (kicher), nein, ich hab’s wieder mal geschafft, 4.50 Fr. von meiner Sozialhilfe auf das Gefängniskonto eines 16jährigen Kambodschaners einzahlen zu lassen. Er weiss von nichts (kicher), Überraschung in zwei Tagen. Wenn es verbucht ist, werde ich ihm seine rote Kontokarte zeigen. Ich mag solche Scherze; linke Hand unter rechten Unterarm, so in der Mitte, rechte Handfläche nach oben, die typische Geste mit beiden Händen von Herzen geben., ohne Gegenleistung. Es macht sogar Spass, glaube mir. Ich sollte die Emotionen besser kontrollieren, kann es „leider“ nicht. Es ist ja bereits wieder gegen Ende Monat und wenn sie in zwei Wochen wieder kommen, gibt’s eh wieder die neue Monatsrate. Solange ich einigermassen über die Runden komme, leiste ich mir das einfach.
Ich möchte mich hier drinnen nicht negativ verändern; versuchen kann ich das und will es auch, nur das permanente moralische Auf und Ab schafft echt Probleme. Seit Monaten kommt nichts rein, kein Brief, nix; ich schreibe trotzdem weiter. Es gibt immer noch keine Infos über Gerichtstermin, ich hänge in der Luft. Wahrscheinlich in einer Ewigkeit oder warten auf Godot.

Einlieferung eines Elfjährigen. Mitleid, Hilfsbemühungen


Gestern Abend wurden etwa fünfundsiebzig Leute hier angeliefert. Darunter ein etwa Elfjähriger. Sie kamen so gegen neun Uhr abends an. Wir haben nur das Schreien – mehr wage ich nicht zu schreiben – gehört. Heute Morgen habe ich den Kleinen gesehen und auch jetzt noch bin ich schockiert, dem Weinen nahe, es steht mir wirklich zuvorderst. Ich werde ihm mal das Nötigste, wie Plastikschüssel, Seife, Zahnbürste, Zahnpasta organisieren. Viel mehr kann ich im Moment nicht tun. Glaube mir, was ich wieder gesehen habe, diese Angst, diese Unsicherheit. Ich habe ihn angesprochen, mit seinen Kumpels versucht zu sprechen. Er hat Angst, wollte alles ablehnen. So blieb mir nur die „Hai“-Geste; die linke Hand unter den rechten Unterarm, rechte Handfläche offen nach oben haltend. Was heissen soll: dass du das von Herzen gibst ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Ich kann nicht erwarten, dass mir jemand hilft, will es auch nicht, vielleicht wird er ja heute oder morgen in ein anderes Gebäude verlegt, da, wo ein paar andere sitzen, die das, wofür ich hier sitze, mit so Kleinen auch tun für ein paar kleine Gegenleistungen. Nur schon der Gedanke, dass so einem Jungen... ich kann nicht darüber schreiben, sonst weine ich hemmungslos.
Nun, 10:00 Uhr morgens und ich habe das erste Mal hier im Knast einen Wärter um einen Gefallen gebeten wegen dem Kleinen. Sogar der sagt, dass der viel zu jung sei, um hier zu sein. Ich frage, ob der Junge in diesem Gebäude bleiben kann, leichte Arbeit kriegt (Steckdosen zusammenbauen). und ich würde schauen, dass er anständiges Essen, Kleider etc. kriegt. Dabei und auch jetzt bin ich echt dem Weinen nahe, weiss nicht, ob’s möglich ist.
10:30; was ich nun sehe ist etwas, das was ich die ganzen neun Monate noch nie gesehen habe, alle, ob Ausländer, ob Thai, wirklich alle wollen ihm helfen. Er ist gerade beim Fotografieren, all der übliche Papierkram vom ersten Tag.
Es sieht so aus, wie wenn’s Weihnachten für den Kleinen wäre. Nun muss ich wirklich Montag ins Gefängnisspital, um die Multivitamine abzuholen, er soll ja gesund bleiben.
Im Moment versuche ich „Einheitsfront“ aufzubauen, jemand muss Verantwortung für ihn übernehmen. Genau wie du geschrieben hast, gemeinsam sind wir stark, das gilt auch hier drinnen, nur muss man den Thai-Weg beschreiten, um etwas zu erreichen.
11:00 Uhr; ich erfahre immer mehr, er hat die halbe Nacht geweint, war mit Eltern hier und alle sind fortgerannt, als die Uniformierten kamen, ihn haben sie erwischt. Nun soll er 19 sein, etwa 110 cm gross! Was heisst es, wie ist es, wenn du als Kind in diesem Alter so in den Knast kommst? Sorry, ich muss schon wieder weinen. Weißt du, in einem solchen Moment sind meine Probleme so nebensächlich und absolut unwichtig.

Brief des Nachbarn


Sonntag, 8. Oktober. Ich habe nun eine komplette Übersetzung des Briefes von meinem Nachbarn, Daumen hoch, ich bin total gerührt. Er würde jeden Tag für mich beten, Räucherstäbchen anzünden, auch an die Pier gehen und meine Burmesischen Freunde suchen, ihnen meine guten Wünsche übermitteln, meine Adresse geben, damit sie mir schreiben können. Du glaubst gar nicht, was das für Emotionen in mir ausläst, es ist unbeschreiblich. Er wisse leider auch nicht, wo die Familie von J. wohne etc. Wahnsinn! Ich muss ihm morgen unbedingt antworten.

Codierter Namen, Botschaftskontakt

Bereits Montag, 9. Oktober. Ich schreibe dir ein bisserl zerhackt einen Namen und eine Nummer, kannst du eventuell die Kam- bod schaft informieren über den Kleinen hier? Eventuell können sie was unternehmen. Zwölf Jahre alt etwa. Es darf einfach nicht sein! Sein Name ist Mai, die Nummer hier im Knast schreibe ich voll aus, nämlich ....... Setz den Namen aber richtig zusammen und du weißt aus welchem Land er stammt.

Mo der Burmese (und Kaem)

Mo ist einer der wenigen Burmesenjungs, die ich kenne, der legal hier ist, mit Arbeitsgenehmigung. Er spricht, liest und schreibt fliessend Thai, grand Kenntnisse in Englisch und jetzt auch das Deutsch für den täglichen Gebrauch und zusätzlich alle Züridütsche Schimpfwörter. Von „Dumme Siech bis goperdammisiech.“ Das ist ja eh das erste, was sie lernen. Mo war auch der Junge, der an jedem Betonpfeiler im Haus einen Geisterbeschwörungsspruch geklebt hat, um böse Geister vom Haus fern zu halten. Er und Kaem waren ein illustres Päärchen.

Besuch der Mutter (vor der Haftzeit), Kontakte mit Nock, Gani, Uh, familiäres Outing


Meine Mutter war vor zwei Jahren hier und hatte unheimliche Freude, hat alle meine grossen und kleinen Freunde kennen gelernt, die Familie von Nock, Gani, Uh etc. Die Jungs haben ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen, sie echt verwöhnt. Weißt du, meine Mutter, mein Bruder wussten, dass ich p. bin; ich habe es ihnen vor etwa 4 Jahren geschrieben. Ihre Antworten waren identisch, es ist dein Leben, du musst es leben. Weißt du, als die Freundschaft mit Nock echt, sagen wir, etabliert war – es ist schwierig, seine Gefühle zu beschreiben – konnte und wollte ich es nicht verheimlichen, auch meiner Familie nicht. Ich habe es damals geschrieben mit dem Wissen, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt; sie akzeptieren mich wie ich bin, oder sie wollen nichts mehr von mir wissen. Für meine Schwester bin ich da gestorben. Sie will seit daher nichts mehr von mir wissen. Das war auch der Moment, wo ich wieder begonnen habe, einen kleinen Kontakt über MSN-Chat zu meinem Bruder aufzubauen.


Briefe aus Thailand - 2. Teil



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