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Briefe aus Thailand - 2. Teil

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Briefe aus Thailand  2. Teil
(Abschrift  September 2007  -  Titel und Zwischentitel: mB)
(Nach dem Tsunami)

 Stahlkonstruktion Taucherluft-Kompressorenstation.

Oh, heute eine andere Geschichte. Als das Aufräumen nach dem Tsunami für uns zu Ende ging, die gerettete Ausrüstung präpariert und gewaschen war, haben wir das Projekt der Kompressorenstation an der Pier in Noch's Elternhaus wieder aufgenommen. Zu der Zeit haben wir abends viel diskutiert, Ideen gesponnen, was man alles besser machen könnte. Durch den Verlust der Räumlichkeiten im Lagunaressort brauchten wir einen Ausrüstungsraum. Meine Idee war, den geplanten, sich im Bau befindlichen Kompressorenraum zu verlängern um ca. 8 – 10 Meter.

Verhandeln auf thailändisch…

Ernst meinte, es sei keine schlechte Idee, aber was sagt die Familie an der Pier dazu? So blieb das Ganze an mir hängen. Ich gehe am anderen Morgen wie üblich an die Baustelle von Noch’s Elternhaus, wo wir am Bauen sind. Ich versuche, seiner Mutter klarzumachen, ihr zu erklären, was unsere Idee ist. Das heisst, mit Händen zeigen, was du willst, aufzeichnen, wenn möglich dreidimensional, damit sie sich was darunter vorstellen kann. Dann die ganzen rechtlichen Fragen, wie etwa, dass wir eine eigene Hausnummer brauchen, damit wir Strom, Wasser und Telefon, die Miete etc., den Mietvertrag rechtlich in Ordnung über die Firma laufen lassen können. Noch’s Vater, das alte verhutzelte Männchen mit vom Betelnuss-Kauen roten Zähnen, kommt auch hinzu. Wir schauen uns alles an, er meint, alles kein Problem, hat sein übliches Grinsen im Gesicht. Noch’s Mutter ist sehr „räs“, innerlich eine gutherzige Frau, aber in Sachen Geschäft eine harte Verhandlungspartnerin. So geht denn das übliche Spiel los, ja klar, wir dürfen, aber… und sie hätten keine Kohle (was stimmt). Und wir müssten den Bau finanzieren, sie müsse mehr Miete haben und so weiter. Es geht hin und her, wir sitzen am Küchentisch, Noch’s Mutter serviert mir Kaffee, geräucherten Fisch. Man muss sich das Ganze vorstellen, wie wenn man am Markt um den Preis von Kartoffeln feilscht, und es in eine familiäre Umgebung versetzen. Oder einfach gesagt: keifendes Marktweib gegen Berni (gröl). Nicht ganz so, aber inhaltlich im Laufe des Tages einigen wir uns. Wir kriegen am Haus eine eigene Hausnummer, der Vertrag wird im Grundbuch registriert, läuft über fünf Jahre mit einer Option auf Verlängerung von weiteren fünf Jahren. Wir müssen die Miete für ein Jahr im Voraus bezahlen und kriegen dafür den ganzen gewünschten Hausteil auf 15 Meter Länge, als wäre es unser Eigentum. Wir einigen uns auf 50'000 Baht im Jahr und bezahlen zusätzlich die Baumaterialien, sie stellen die Arbeiter. Nochs Mutter geht am sleben Nachmittag auf die Gemeinde und lässt alles im Grundbuch eintragen. Am Abend kommt sie mit dem offiziellen neuen Nummernschild an, das etwa so aussieht:
 
Stolz übergibt sie mir das Schild. Die Bauarbeiten gehen zügig voran. Nock und sein älterer Bruder, alle Freunde und Bekannten der Familie helfen mit. Es ist ja nicht nur der Kompresorraum, der neu gebaut werden soll, sondern das ganze Elternhaus von Nock und zusätzlich die Kompressorenstation, von der nur ein paar Fundamentteile vom Tsunami verschont blieben. So bin auch ich täglich da, schleppe Zementsäcke, Betonsteine, Armierungseisen. Nocks Mutter oder die Frau des dicken Kapitäns kochen für uns jeweils Mittagessen. Abends sitzen wir zusammen und trinken unser wohlverdientes Bier. So langsam ensteht der Rohbau und ich beginne Mass zu nehmen für meine Stahlkonstruktion. Ich muss auf kleinem Raum 2 Bauer-Kompressoren, einen Schraubenkompressor und den grossen L+W-Kompressor unterbringen. Zusätzlich die Airbanktanks für die Atemluft und eine Nitroxanlage. Alles benötigt Frischluft, reine abgasfreie Luft und genügend Raum für Kühlung. Für mich war es auch wichtig, dass das Ganze sehr professionell gebaut wird, da ja alle unsere Kunden vorbeikommen und jeder die Anlage sieht.
Ich bespreche die ganze Sache noch mit Ernst. Er meint, wir sollten es wirklich superprofessionell machen, aber das ganze technische Zeugs falle unter meine Verantwortung. Er würde sich da nicht einmischen; ich müsste damit arbeiten.
So beginne ich dann, meine Ideen auf Papier zu bringen, Skizzen zu zeichnen. Wie viele Meter Winkeleisen, Stahlplatten, Lochblech, Rohre etc. brauche ich für das? Erstellen von Listen; woher bekomme ich was, Kleinteile etc.? Im Erdgeschoss einer anderen Tauchfirma kriegen wir 10-15 Meter freien Platz, um das Ganze da aufzubauen. So wurde denn das Material da angeliefert. Ich war alleine, da Noch ja seiner Familie beim Bauen helfen musste. Ich habe in der ganzen Nachbarschaft, im Dorfe rumgefragt, aber jedermann war damals mit seinen eigenen Wiederaufbauarbeiten voll beschäftigt.

Mondzyklen = Lohnzyklen

Da kommt doch Gani zu mir nachhause und bietet sich als Helfer an, er würde gerne helfen, aber da er inzwischen ja Frau und ein Baby hätte müsste er den gleichen Lohn wie auf dem Fischerboot kriegen, so 3'000 Bath im Monat. Ja klar, niemand muss für ein Dankeschön arbeiten, schon gar nicht wenn er eine Familie ernähren muss. Wir einigen uns problemlos auf 3'000 Bath (etwa 90 Franken) plus Essen, das er auf dem Fischerboot ja auch frei kriegen würde. Der Kapitän des Fischerbootes will ihn eigentlich nicht gehen lassen und kommt mit Gani zu mir nach Hause. Bei ein paar Bieren und einem kleinen Ausflug in die Karaoke Bar besprechen wir uns. Ja, der Kapitän will ihn nicht verlieren und so entsteht die Abmachung, dass Gani nach zwei Mondzyklen wieder aufs gleiche Schiff arbeiten gehen wird. Bei den Fischen geht die Rechnung nicht nach Monaten sondern zwischen Vollmonden, 28 Tage. So musste auch ich mich da umstellen, den Lohn immer bei Vollmond auszahlen und gleich damit rechnen dass Gani so 4 Tage nicht ansprechbar sein würde, wenn er die Nächte mit seinen Freunden im Dorf (Puff!) verbringen wird. Typische Seeleute halt, wenn mal an Land, muss etwas los sein.
 ··
Jeden Morgen um acht Uhr erscheint Gani zur Arbeit, es gibt keine 5-Tagewoche, es wird 7 Tage gearbeitet; die Zeit über Vollmond kompensiert das. Zum Mittagessen gehen wir in den Royal Thai Navy Club. Das Essen ist gut und erst noch günstig. Das Dorf ist ja ein Anhängsel des Marinestützpunktes. Wir schneiden, schweissen, schleifen und so langsam bekommt der Stahlbau seine Form.

Gani lernt schweissen

Auch Gani lernt viel in der Zeit, elektrisch schweissen, aber nicht wie die meisten Bastler hier, ich will anständige, saubere Schweissnähte sehen, oder es wird abgeschliffen und neu geschweisst. Ich zeige ihm die Führung der Elektrode, den richtigen Winkel zum Werkstück, wie man die Elektrode führen muss, damit diese wellenartige Schweissnaht ohne Einschluss von Schlacke entsteht. Er nimmt Reststücke und übt damit und mir kommt dabei meine Zeit als Lehrling wieder in den Sinn. Damals habe ich nicht einsehen wollen, warum ich als Elektriker dieselbe Ausbildung wie Werkzeugmacher und Schlosser machen musste. Firmenschule, schweissen, drehen, feilen. Nun ist mir schlussendlich alles zugute gekommen. Gani war ein williger Schüler, er hat nicht aufgegeben, gefeilt bis er in fast jeder Position schöne, gute Schweissnähte hingekriegt hat.
Nun, als diese Stahlkonstruktion soweit fertig war, haben wir Zwei Aufrichte gefeiert; da wir eh nur ein paar Meter von meinem Hause weg gearbeitet haben, hat sich auch Gani ein paar Biere genehmigt. Am nächsten Tag haben wir unseren Beruf gewechselt und wurden Maler. Reinigen, schleifen, grundieren, wieder schleifen und danach Deckanstriche, die Konstruktion wird ja direkt an der Pier stehen, permanent der salzigen Seeluft ausgesetzt sein, so dass ein paar Schichten Farbe mehr, besser ist. Die ganze Anlage wurde da von uns 1:1 aufgebaut, die Kompressoren und grossen Tanks waren so schwer, dass wir zusätzliche Hilfe brauchten. Auf einen Telefonanruf hin kam Don, unser ehemaliger Bootsboy, um mitzuhelfen. So gegen 10 Uhr morgens entschuldigt er sich, er müsse heimgehen, heute sei Freitag, der Muezin hätte zum Gebet gerufen. Oh, heute ist Freitag, Entschuldigung, ich hab’ die Wochentage total vergessen, nicht mal gewusst, dass Freitag ist.
Schlussendlich war das Ganze aufgebaut, die Panels mit Autolack gespritzt, Armaturen aufgebaut und alles auf Hochglanz poliert. Was nun mit dem Restmaterial?
 

Piertreppe aus Stahlresten.

In unseren Diskussionen war einmal die Rede von einer Treppe an der Pier anstelle der Leiter, damit die Kunden bequem ins Schiff steigen können. Die senkrechte Leiter war bei Ebbe ein Schrecken für ältere Kunden. Wir hatten diese Idee eigentlich verschoben, auf spätere Zeiten, wenn die Finanzen besser stehen würden. Ich schaue mir das Restmaterial an, überlege: der Tidenhub in der Bucht ist maximal 3.2 m, (=Amplitude der Gezeiten, also der Unterschied zwischen dem Scheitelpegel einer Flut  und dem untersten Pegelstand einer Ebbe)  gehe an die Pier, messe da die Höchstwassermarke. Am Abend suche ich im Netz Berechnungsformeln für Stufen nach DIN-Norm, da gibt es so viele unterschiedliche und ich nehme diese von einer Kellertreppe mit einem 45°-Winkel, die Tritthöhe 18 cm, die Stufentiefe eigentlich 25 cm, aber unsere Stufen werden ja hinten offen sein, so dass ich es auf 21 cm reduziere.
Am nächsten Morgen kommt Gani, ich sage ihm, schau her: Ich brauche von diesen 40x40-Winkeleisen 40 Stücke à 21 cm und 40 Stücke à 18 cm, danach schneidest du 40 Stücke à 75 cm. Er schaut mich erstaunt an, sagt ‚kheim ma ba läu’? Spinnst du, war das Bier gestern schlecht, wir sind doch praktisch fertig! Nee-nee, Gani, wir haben gerade erst angefangen, meine ich mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Ich organisiere Kreide und beginne meine Konstruktionsidee 1:1 auf den Fussboden aufzuzeichnen, mit den richtigen Winkeln etc. Gani arbeitet mit der Kreissäge, schneidet die Stücke wie ein Akkordarbeiter, die Winkeleisen sind alle 6 Meter lang. Messen, einspannen, kontrollieren und schneiden. Es ist heiss, das Wasser läuft ihm runter, er streicht es mit den Händen aus dem Gesicht, sieht nun fast wie ein Kaminfeger aus. Nachdem er alle Stücke zugeschnitten hat muss er sie mit der ‚Flex’ entgraten. Er hat immer noch keine Idee, was das Ganze soll. Es ist bereits Abend und wir gehen nach Hause. Morgen Gani; lange alte Hosen anziehen bitte, wir werden viel zu schweissen haben, nicht mit kurzen Hosen, das gibt Sonnenbrand. Auf dem gemeinsamen Heimweg spendiere ich noch ein Bier, wir sitzen zusammen, plaudern, ich sage ihm, dass es eine Treppe geben soll, da wo das Schiff liegen würde. Er kann sich’s noch nicht so recht vorstellen.

Provisorisch leben nach dem Tsunami

Gani geht nach Hause; ich mache noch einen Besuch auf der Baustelle von Noch’s Elternhaus. Ja, es sind Fortschritte zu sehen, die ersten Wände sind bereits verputzt. Ich plaudere auch da mit der Familie, mit noch einem Bruder; wir sitzen den ganzen Abend da im Freien. Sie leben ja im Moment in einer selbst gezimmerten Holzhütte und werden vermutlich nächsten Monat in das wieder aufgebaute Haus einziehen können. Auch Noch’s Vater hat viele Ideen, die er realisieren möchte; eine Veranda hinterm Haus. Das Haus liegt ja am/im Meer, bei Flut steht das Wasser unter dem Haus. Für eine Veranda braucht es, Fundamente im Meer, Pfeiler etc.. Die Familie baut alles selbst auf, mit Hilfe von Verwandten und Bekannten. Ich selbst verbringe viel von meiner freien Zeit da, um auch ein wenig mitzuhelfen. Zu dieser Zeit hat Noch ja bei mir gewohnt. Für Eltern, Bruder und Frau und Kind war so knapp Platz in der Holzhütte. Einer seiner Onkel wohnte im Zelt vom Iranischen Roten Halbmond, aber Noch wollte nicht in dieses Zelt. Begreiflich, wenn man seinen Onkel kennt. Zudem war ja genügend Platz in meinem Haus und Noch hatte sich ja eh nach dem Tsunami in meinem Wohnzimmer eingerichtet.
Da unser provisorischer Arbeitsplatz in der Nähe der Fischereipier lag, kamen jeden Morgen Gani's Freunde auf dem Nachhauseweg vorbei, um zu schauen, was wir da tun, ihre Kommentare dazu abzugeben und zu plaudern. Das war jeweils unsere 9-Uhr-Pause mit Cola oder Kaffee. Hin und wieder kam auch Gani's Frau zu Besuch mit dem Kleinen im Arm. Ich kannte sie ja auch schon lange Zeit. Ein bildhübsches Mädel, gerade so 18 Jahre alt geworden. Ja-ja, mit 16 war sie ein kleines freches Nachbargör, immer zu faulen Sprüchen und Witzen aufgelegt. Sie arbeitete in einem kleinen Thairestaurant gleich schräg über die Strasse und hat hinter meinem Haus gewohnt.
Bei mir vorm Haus stapelte ich die grossen Plastikausrüstungskisten. Eines Abends nimmt das Mädel die kleinen Nachbarskinder, setzt jedes in eine Kiste und beginnt diese zu stapeln. Sie haben alle einen Riesenspass, kichern, lachen.

(keine) Lieferprobleme…

Wieder einmal vom Thema abgekommen, aber beim Schreiben kommen alle diese Erinnerungen wieder hoch. Inzwischen ist die Kompressorenstation soweit gebaut und die Wände verputzt. Ich will im Ausrüstungsraum eine heruntergehängte Decke haben, nicht nur 3 Meter hohe Wände. So fahre ich denn nach Klao Lah, um Holz einzukaufen. Auf dem Weg ist ein Baugeschäft, das dünne Eternitplatten verkauft. Einzelne Platten sind teuer, ich überlege, frage, was kostet denn eine ganze Palette voller Platten; wie viele m2 sind das? Also die ganze Palette voller Platten ist billiger als die 7 die ich brauchen würde. So kaufe ich eine Palette ein mit Lieferung zum Haus von Noch, fahre weiter nach Klao Lah, um Holz einzukaufen. Ich habe ja nur ein Motorrad und somit muss ich immer eine Hauslieferung organisieren. Es klappt alles bestens und die Lieferung sollte am gleichen Nachmittag erfolgen, sodass Gani und ich nach dem Mittagessen zu Noch’s Elternhaus gingen.
Da ging das grosse Warten los. Was heisst hier Lieferung am Nachmittag? Irgendwann wird mir das Warten zu dumm, ich wandere von der Pier weg, um die Ecke zum kleinen Supermarkt, da sind ein paar Stühle und Tische im Freien unter einem Vordach. Ich ordere Bier, Noch’s Bruder fährt mit dem Motorrad vorbei, winke-winke, komm da her. Ich hebe mein Bierglas hoch. Ein hier wohlbekanntes Zeichen; eine Einladung, mitzutrinken. Er schlägt nicht aus, setzt sich zu mir. Prost, ‚Tschobli Krap’, die Gläser klingen. Gani schaut um die Ecke, sieht uns da sitzen und schlendert so langsam heran. Er hat immer noch Hemmungen, hier bei dieser Pier. Da er Burmese ist, ist er sich nicht sicher, ob er willkommen ist bei all den Thais. Ich klopfe auf den Stuhl neben mir, komm setz dich hin.
Die Lieferung lässt auf sich warten und ich organisiere den Biernachschub. Da gibt es keine Lieferprobleme, alles bestens; winken mit der leeren Flasche, die Nachlieferung erfolgt prompt. Die Sonne beginnt zu sinken, ein Bootsboy von einem Schiff kommt mit Gitarre; inzwischen sind wir bereits zu sechst am Tisch. Die Thais beginnen, Gitarre zu spielen und sie singen Lieder. Man sieht es wieder einmal ganz klar; alles Bauarbeiter; ohne Bier geht nichts und nach dem Bier geht gar nichts mehr.

Thais sind nicht faul, nur anders…

Ich weiss, dass viele Europäer sagen, dass die Thais faul seien, nicht arbeiten wollen, aber ich habe das ganz anders erlebt, wenn ich sie gebraucht habe, wenn Not am Manne war, waren sie immer da, zum Teil über die ganze Nacht und immer an der Arbeit. Es ist einfach ein wenig anders, man darf es nicht zu eng sehen; wenn jemand kommt, um zu plaudern, wird halt geplaudert, dafür arbeiten sie aber meistens 10-15 Stunden am Tage; halt einfach nicht so ernst und stur wie wir. In der ganzen Zeit hier hat kein Einziger jemals nach Überstundenkohle gefragt. Man nimmt es dann einfach am nächsten Tag ruhiger. Irgendwie, wenn man es richtig macht, wird das so genannte Arbeitsteam sehr familiär. Man lernt sich kennen, wird bei andern zuhause zum Essen eingeladen. Es entsteht eine lockere, gute Atmosphäre am Arbeitsplatz, die viel mehr bringt als das sture Arbeiten.

Lernfreudiger Gani

Auch Gani war die ersten Tage unsicher, hat nicht genau gewusst, was von ihm erwartet wird, es war ja seine erste Arbeit an Land, die nichts mit Fischerei zu tun hatte. Ich versuchte in diesen zwei Monaten, ihm einiges beizubringen. Das ging von Schreinerei bis Kurbelwellenlager wechseln, ein paar Grundlagen Elektrik. Als er eines Tages meine Manuals und Reparaturanleitungen für MAN-Dieselmotoren fand, sass er jeden Abend am neuen Ecktisch und hat diese studiert, alle möglichen Fragen gestellt. Die MAN-Reparturanleitung war mit vielen Fotos dokumentiert, die genau zeigen, wie man vorzugehen hat, wie die Teile zusammenhängen. Das geht von Einspritzpumpe bis Ventileinstellung, es war etwas total Neues für ihn. Eines Abends sass er bis spät in die Nacht bei Noch’s Vater, der da an einem Kubola-Einzylindermotor die neuen Ventile von Hand eingeschliffen hat, hat ihn mit Fragen ohne Ende bombardiert. Der Alte hat das mit stoischer Ruhe und einem permanenten Lächeln über sich ergehen lassen. Ich glaube bis heute, dass der Alte heimlich stolz war, Freude hatte, dass sich jemand für seine Arbeit interessiert. Noch und sein älterer Bruder waren nie so interessiert an dieser Arbeit und so hat dieses verhutzelte alte Männchen Gani in die Geheimnise dieser alten Dieselmotoren eingeweiht, endlos erklärt, wie jedes Teil funktioniert.

Schweizer Norm in Thailand…

Als der Bau soweit war, dass wir die Elektrik installieren konnten, haben wir den Zähler bestellt. Man erklärte uns, dass die Zuleitung vom Mast zum Hause unsere Sache sei. Kabel 35 m, Kupfer oder so, mit Aluminium, auch sei neuerdings Erdleiter vorgeschrieben. Ich schaue mir die Sache an. Freileitung ist ein kleines Problem, da steht der einzige Baum, der den Tsunami überstanden hat, im Wege. Und der gibt uns Schatten vor dem Haus. Die Thais meinen: Säge die Äste ab, kein Problem, aber ich will irgendwie nicht. Der Baum soll stehen bleiben. So entscheide ich mich, die Elektrozuleitung unterirdisch zu verlegen. Man sagt mir, spinnst du, im ganzen Dorf gibt’s keine unterirdischen Elektroleitungen. So beginnen wir, zu graben, die 35 Meter vom Mast bis zum Hause. Hinter dem Marinepolizeiwachhaus ist nur so 50 m Platz bis zum nächsten Haus. Ich fahre nach Phuket, um die Materialien, die ich für die Installation benötige, einzukaufen. Da sehe ich sogar dieses Plastik-Markierband, das man über unterirdische Elektroleitungen legen sollte. Wir verlegen die Zuleitung nach Schweizer Standard (gröhl).

Ausnahmetransport…

In der Zwischenzeit ist auch die Treppe fertig geworden, Gani hat etwa 16 Farbschichten aufgepinselt, jeden Tag ne neue, sie wird ja die halbe Zeit bei Flut fast komplett im Meerwasser liegen. Nun kam die Frage auf, wie transportieren wir das Teil ohne LKW zur Pier? Für einen normalen Pickup ist sie zu lange, Lastwagen haben wir keinen. So kommen wir auf die dümmsten Ideen, eine fast 2 Meter lange Treppe mit einer Plattform am oberen Ende durch schmalste Dorfstrassen. Oh, ganz einfach am unteren Ende binden wir einen Sackroller an die unterste Stufe, am oberen Ende stellen wir die Plattform der Treppe auf einen Schubkarren, der mit Kupferdraht an meinem Motorrad angebunden ist.
Motorrad starten, ersten Gang einlegen und los geht’s, gleich um die erste Kurve reicht's, habe ich genügend weit ausgeholt. Bremsen geht nicht, das Motorrad ist zu leicht, ich werde geschoben. Ein Riesengaudi für die Anwohner; der Transport zur Pier wird zu einem Umzug. Immer mehr Leute kommen, um zu schauen. Sie rufen: he Berni, spinnst du nun total, was willst du mit dem Teil, es ist kein Schiff an der Pier. Die meisten Leute denken, dass es eine neue Treppe für ein Schiff sei, die auf ein Schiff montiert werde. So fallen Scherze, faule Sprüche, es wird viel gelacht. Die Leute sind neugierig, sie folgen uns an die Pier. Noch und Gani rennen voraus, regeln den Verkehr, winken die Autos an den Strassenrand, sodass wir ohne Probleme an die Pier kommen. Unsere Gefolgschaft ist inzwischen gewachsen, schon über zwanzig Leute und auf der Pier stehen die Leute von den Schiffen. Alles wundert sich, was da vor sich geht.

Montage der Piertreppe

Wir laden ab, stellen das Motorrad etc. zur Seite. Nun ja, meine Idee war, die Treppe mit Seilen seitwärts an der Pier runterzulassen, bis sie richtig positioniert wäre. Ich habe aber nicht mit den Thais gerechnet, die eine ganz andere Vorstellung hatten. Komm Berni, wir machen das. Sie binden an beiden Enden der Treppe ein Seil an. Soweit so gut, wie ich gedacht hatte. So, nun nur noch raus schieben über den Rand der Pier und schön langsam runterlassen. Falsch gedacht, vier Mann nehmen die Treppe und werfen sie einfach ins Meer. Ups! So nun einfach das eine Ende oben anbinden, das andere hochziehen, langsam runterlassen. Ist doch zu mühsam. Sie ziehen das obere Ende hoch, bis die Befestigungen über den Pierrand rutschen, danach wird das andere Ende soweit hochgezogen, bis der Winkel stimmt, alles Waagerecht liegt. Berni, kannst die Schwerlastdübel setzen, wir sind soweit. So bohre ich die acht M-10-Schwerlastdübel, setze alles richtig und schweisse die Schrägstützen an, welche der Treppe zusätzliche Stabilität geben sollen. So, auch dieses Problem gelöst. Nur, wenn man nun die Treppe runter und rauf geht, sieht man all den Schmutz und diese dreckigen, verölten Pierwände. So organisiere ich den Hochdruckreiniger und wasche diesen ganzen Pierteil und wir streichen ihn neu.

Unverhoffter Geldsegen…


Noch’s Vater, ein Zimmermann wie er im Buche steht, hat in der Zeit begonnen, die Decke zu montieren, am Schluss waren so viele Platten übrig, dass es auch für den vorderen Teil ihres Hauses ausgereicht hat. So langsam nimmt alles Gestalt an, Noch zieht wieder in das Haus an der Pier zu seinen Eltern. Es streicht das Haus, hängt Fluoreszenzlampen auf, hilft überall mit. Alles soweit so gut, aber es gibt keine Türen, alles offen. Es ist kein Geld übrig. Ich weiss, dass sich die Familie beim Neubau verschuldet hat. Ich frage Noch’s Mutter, was mit den Türen sei (das sind hier so Rolltore etwas vier Meter breit, wie früher bei uns die Läden vor den Schaufenstern hatten). Sie meint: warten, kein Geld da. Wie viel denn, frage ich noch blöde. Sie meint, etwa 15'000 Bath, da seien dann auch unsere Türen inbegriffen. Vielleicht bin ich ja blöde, aber ich wandere zum Geldautomaten, der wieder hier aufgestellt wurde, und hole da die Kohle, bringe sie rüber und drücke sie dem „alten Marktweib“ in die Hände. Bestell mal jetzt gleich. Irgendwie hatte ich keine Beziehung zu diesem Geld, das mir meine Mutter hat zukommen lassen, es war irgendwie nicht meines, es ist schwer zu erklären, ohne dass es dumm oder eigennützig ausschaut. Ich weiss auch, dass es nach Eigenlob stinkt, ich kann meine inneren Gründe - es war ja nicht nur diese Familie - irgendwie nicht erklären. Es war wie ein Bedürfnis, diese Kohle loszuwerden, alles schwer zu erklären.
Nach dem ersten Vollmond ging Gani wieder zurück aufs Fischerboot und nach kurzer Zeit wurde er eine Art Vorarbeiter da, mit besserem Lohn.

FORTSETZUNG FOLGT!

 

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