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Brief

INHALT > DU > Beat Meier

aus meinem Brief an Beat, geschrieben an Pfingsten, 4.Juni 2006,

Lieber Beat,
...
Erst einmal muss ich Dir mitteilen, wie sehr mich Dein Buch aufgewühlt hat. Als ich Deine Schilderung las über den Unfall mit der Sähmaschine und dann das Unglück mit dem Meister und dem Mist, da wurde es schon fast zu viel, als dass ich das noch verkraften konnte ohne selber ins heulende Elend zu versinken! Aber es kam ja noch schlimmer...

Oder vielleicht versöhnlicher? Du hattest darauf den Entschluss gefasst, dieses Elends- (nicht „Hunde“-!) -Leben abzuschliessen. Ich konnte Dich nur zu gut verstehen, dass Du jetzt endlich genug hattest und nicht mehr konntest. Wie oft schon, während dem Lesen Deiner Leidensgeschichte, dachte ich, ob ich das wohl so lange ausgehalten hätte... Nun, es ist ja eine wahre Geschichte, und so wusste ich ja schon vorher, dass Du trotz allem nicht aufgegeben hast.

Aber wie Du die Begebenheit mit dem Bäri geschildert hast, da war es um meine Haltung geschehen. Und ich bin froh, dass ich allein bin und meinen Gefühlen und Tränen ihren Lauf lassen konnte!

Ja – und dann das Auftauchen Deines Vaters! Und das plötzliche, unerwartete, unglaubliche Glück der Heimkehr!

Da musste ich aufhören mit Lesen, damit ich meine aufgewirbelten Gefühle der Trauer, des Schmerzes und der Freude erst wieder etwas zur Ruhe kommen lassen konnte.

"Es" .....

Ein anderes Buch, das seit Jahren auf meinem Nachttisch liegt (und noch nie zu Ende gelesen wurde....) nehme ich immer mal wieder hervor. Darin steht zum Beispiel:

"Das aber ist die erhabne Schwermut unsres Loses, dass jedes Du in unsrer Welt zum Es werden muss"

Der Satz stammt von Martin Buber, dem jüdischen Denker. Er sagt es noch deutlicher:

"Das einzelne Du muss, nach Ablauf des Beziehungsvorgangs, zum Es werden"

Bevor also etwas zu „Es“ wird, ist man mit dem „Du“ verbunden, erfährt man sich selber im Du. Denn, – auch Zitat Buber - : „Ich-Du, stiftet die Welt der Beziehung“. Nur wenn ich in Beziehung zu einem Du stehe, erfahre ich die Welt. Alles was zu einem Es geworden ist, bleibt unverändert, bis ich es wieder in mein Leben einbeziehe. "

Ich meine, da steckt vieles drin, das Deine Situation erhellen kann: Das "Es", das zur Sache wird... Aber auch Du, als Mensch, der sich standhaft weigert, einer Sache zu dienen, die nicht mit Deinem „Ich“ vereinbar ist!

Doch damit später weiter, damit es nicht zu abgehoben philosophisch wird!

Zum Schluss Deines Buches: Er hat mich nochmals zu freiem Lauf meiner Tränen geführt - hoffte ich doch, dass Du nun wirklich noch eine lange, glückliche Jugendzeit mit Deinem Vater erleben durftest! Nein – es ist kaum zu fassen, dass es Kinder gibt, die so von Erwachsenen durch ihre – ach heute so heuchlerisch glorifizierte – „unschuldige Kindheit“ gezerrt wurden, und – wie Du im Nachwort leider richtig bemerkst, immer noch – weiter durchgezerrt werden....

Oh, wie gerne hätte ich doch wenigstens eine Seite in Deinem Buch gefunden, in der Deine kindliche Gemütswelt in durchdrungenem Heilzustand gewesen wäre....! Wo fand ich auch nur eine gute Seele (weiblichen Geschlechts...), die mütterliche Gefühle zu Dir gehabt hätte, wo ein Mensch, der in Dir ein Du wahrnahm, das dessen eigenes versteinertes Ich verändert hätte!?

Da sind wir wieder bei „meinem Buber“ , der mich in meinem Denken mit ein paar wenigen Sätzen zu tiefgehenden Erkenntnissen führte: Wenn wir einem Menschen begegnen und mit ihm ein Stück Weges gehen, kennen wir nur unseren Weg, nicht den seinen. Aber diesen erleben wir in unserer Begegnung. Wir können mit dem Begegneten in Beziehung treten. Und eine solche ist zugleich „Passion und Aktion“. Sie trifft uns, muss uns aber auch betroffen machen!

Was mein Weltbild prägend beeinflusst hat, ist die Erkenntnis, dass mein Umgang mit allem wesen-tlich (im wahrsten Sinne des Wortes!) mit mir, mit meinem Wesen in Bezug steht und ebenso wesen-tlich mein Leben bestimmen und stetig verändern wird! Das steht aber scheinbar im Gegensatz zu den „Tat“-Sachen des Lebens, die zwar Veränderungen bringen, aber nur selten auch die Menschen wirklich verändern, bzw. menschlichkeitsbildend einwirken!

So ist doch Dein Buch gleichzeitig Biographie und „Tat“-Sachenschilderung! Alles bleibt Sache, wenn es nicht gelingt, in eine „Du-Beziehung“ zu Dir zu gelangen!

Und wenn man – wie es mir wiederfuhr – so sehr während dem Lesen in eine solche Beziehung hineingezogen wird, dann fällt einem die Trennung und das Weglegen des Buches, das dann wieder zu einem „Es“ im Büchergestell werden müsste, schwer! Ich wusste ja auch schon während dem Lesen, dass es kein Happy-End geben wird. Aber ich hätte doch wenigstens gerne mich erholen wollen in einer Buch-Zeitspanne, in der Du wirkliche Mit-Menschlichkeit hättest erfahren dürfen und davon hättest berichten können...!

Vielleicht muss ich da ein ganz klein wenig Zweifel anmerken: Es scheint mir unmöglich, dass Du Deine so schwere Kindheit so hättest durchstehen können, wenn Du Dir nicht – trotz allen Widrigkeiten – Deine Freiräume geschaffen hättest. Selten wie Edelweisse in stotzigen Felswänden entdeckt man hie und da zwar ein Freudenfünklein in Deiner Kinderseele, vor allem wenn Du von Tieren oder Pflanzen erzählst! (Und von Deinem Vater, dessen wahres Wesen Du in Deiner kindlichen Gedankenwelt wohl zu sehr idealisiert hast – es auch tun musstest, um überleben zu können...!) Echt - und bis heute wohl ungestillt - treffen Deine sehnsuchtsvollen Erwartungen nach dem Geliebt- und Angenommenwerden auf den Leser (wer dies wahrzunehmen imstande ist...) Du behältst aber Deine Kindheitseindrücke, die Dir die Kraft zum Überleben ermöglicht haben, als ein Geheimnis für Dich zurück. Ich will es Dir nicht vorwerfen, denn wahrscheinlich weisst Du es selber nicht wirklich und wird es ein Geheimnis unseres Lebens als solches bleiben, weshalb eine auch noch so schlimme Jugendzeit nicht alles verderben kann!

Es ist nun so, dass Du mit Deiner Biographie, die hier in Deinem zwölften Lebensjahr vorläufig endet, in mir als Leser einen zünftigen Tsunami im „Seelenmeer“ ausgelöst hast!

Doch nochmals sachlich zu Deiner Leistung: Meine ganz herzliche, aufrichtige und uneingeschränkte Anerkennung und Hochachtung!

Und vor allem: Ganz herzlichen Dank, dass Du diese Leistung erbracht hast – sogar bis zu der Selbst-Herausgabe inklusive allem Drum und Dran!

Wenn das keine Leistung ist!!!!

Nein, ich kann Deine Kindheitserlebnisse auch nach dem Lesen Deines Buches nicht einfach weglegen. Seit ich von Dir und Deiner Geschichte erfahren habe, fliessen bei mir alle „Tat“-sachen-Meldungen in den Medien durch den Filter Deiner aktuellen Tat-„Sach“-Lage, nämlich der, dass Du als Gefangener einer „Sache“ dienst: Der Sicherheit der Bevölkerung! Man beachtet Dich nicht als Mensch, sondern verfügt über Dich als eine „(F)Aktensache“, in der es um Abwägung der Fakten geht, die für oder gegen die Sache der Sicherheit gehen... Man sieht in Dir ein "Es", über das man verfügen kann und glaubt zu wissen, was Du bist. Wie sagt doch Buber: „Wenn wir einem Menschen begegnen und mit ihm ein Stück Weges gehen, kennen wir nur unseren Weg, nicht den seinen. Aber diesen erleben wir in unserer Begegnung. Wir können mit dem Begegneten in Beziehung treten. Und eine solche ist zugleich „Passion und Aktion“. Sie trifft uns, muss uns aber auch betroffen machen!“ Ich frage mich, wer von den Machtinhabern in Deiner „Sache“ (eben: „Sache“, nicht Mensch auf einem Lebensweg) sich die Mühe genommen hat, mit Dir wirklich in Beziehung zu treten...

Immer noch drückt mich ein sehr unangenehmes Gefühl während dem Schreiben. Ich bin verbunden mit einem Menschen, den ich nicht persönlich kenne und den ich (nur vorläufig!!!) nicht kennen lernen darf, weil es gewisse Menschen nicht zulassen.
(Beat darf, wie ein Strafgefangener, pro Jahr nur 12 Besucher auf seiner Liste haben und kann diese nur einmal im Jahr ändern! Inzwischen - nach der traurigen Blickkampagne im Herbst 2006 und seiner Demission als Sekretär des Vereins "Verdingkinder suchen ihre Spur", - gab es Streichungen in seiner Liste, die sich zu meinen Gunsten auswirkten, sodass ich nun einer der zwölf Bewilligten sein darf!)
Es ist einerseits unheimliche Wut, die ich zurückhalten muss (was körperliches Unwohlsein auslöst...), und anderseits dieses Wissen, dass mein unbekannter Briefpartner, den ich durch die mir möglichen Kontakte doch schon recht gut kenne, noch immer an der Unmenschlichkeit seiner Entscheidungsträger leiden muss. Da wandeln sich Gedanken der Wut und der Verständnislosigkeit in Gefühle der Ohnmacht und des Zweifels an einer „gerechten Welt“, wie sie als Idealbild eines Landes wie der Schweiz eigentlich von den Machtbesessenen (und solche gibt es viele in der „sozialen“, demokratischen Schweiz...) erstrebt werden sollte...!

Ein kleiner Verdachtseinwand, wie in einem früheren Brief schon angedeutet: Vielleicht hast Du Deine über Dich verfügenden „Mit“menschen überfordert in Deiner Standhaftigkeit und Deinem Durchhaltewillen, sodass Du für sie abgehoben übermenschlich (und deshalb gefährlich...) erscheinst und sie es nicht merken, wie unmenschlich sie handeln. Aber das nur nebenbei, denn es steht mir nicht zu, Dir Ratschläge oder gar Vorwürfe zu machen!

Wenn ich heute andere Berichte von wirklichen Taten und deren Be- und Verurteilung lese, dann muss ich meist nur staunen, wie verschieden die Realität unseres Alltagsgeschehens betrachtet und bewertet wird... Da erscheint für mich alles in einem anderen Licht, wenn ich Deinen "Fall" vor Augen habe - und es kommt wieder Wut hoch...

.......

Lieber Beat, die Verbindung zu einem "Du", während ich Deine Kindheitsgeschichte las, kann nicht abbrechen und bleibt genau so schmerzhaft wie die zu dem tapferen Beatli im Buch. Und immer noch dieselbe Situation: Die machtausübenden Menschen und der Beat, der sich nicht aus deren Fängen winden kann – und dies eigentlich auch nicht tun will, der nur Gerechtigkeit, Verständnis, menschliche Mitgefühle, Vertrauen und ein klein bisschen wärmende Liebesgefühle in seinen Mitmenschen wecken möchte. Der Beat also, immer noch der Beat, der trotz allem den Glauben an das Gute in seinen Mitmenschen, aber auch in sich, nicht aufgeben kann. Der Beat, der trotz all den Ungerechtigkeiten kooperativ und „anständig“ bleibt (so wie von ihm immer verlangt wurde und er es sein zu müssen glaubte, um wenigstens auf ein Fünkchen Gegenliebe hoffen zu können...)
Ich komme mir sehr schwach vor. Ich, der ich ein freier Mensch bin und niemand mich hindert, zu tun, was ich möchte, stehe machtlos da und kann Dir nicht helfen. Es steigen schon immer wieder Gedanken in mir auf, was ich tun könnte. Vielleicht werde ich auch noch einiges tun können. Dein Buch jedenfalls möchte ich an Menschen weitergeben, die, wie ich hoffe, es lesen und nicht weglegen werden, ohne nachher einen Tatendrang zu verspüren,.
......
Was mir, als freien und aussenstehender Mensch Zuversicht gibt, dass doch noch alles einmal gut herauskommen wird, ist das Wissen, dass Du mit Deiner hilfsbereiten und vorausdenkenden Art vielen Deiner Mitgefangenen ein gutes Vorbild bist und vor allem ein guter Kumpel und dass dies ganz sicher eine gute Auswirkung haben wird auf das Leben innerhalb dieser Mauern... Du wirst dies sicher auch spüren, auch wenn die Mächtigen davon nichts wissen und sehen wollen... (Oder können sie Dich gerade deswegen nicht laufen lassen, weil sie Dich brauchen!!!?)
......
Und so – mit gemischten Gefühlen, muss ich meinen Brief abschliessen und sende Dir - vielleicht nicht so zufällig an diesem im Geiste mit Dir verbrachten Pfingstsonntag – meine herzlichen Wünsche und Grüsse, tinjo

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