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Allerheiligen-Allerseelen 2010

ZUM TAG > Das Wort zum Sonntag 2010



ALLERHEILIGEN - ALLERSEELEN



Wer kann alle Heilige, die je auf dieser Welt lebten, aufzählen?

Heilige Menschen - wie/wer waren sie?

Ein Frage, die schon zur Genüge beantwortet wurde, so lasse ich das.

Ich möchte aber bemerken, dass Heilige nicht unbedingt durch die katholischen Päpste bestimmt werden müssen. Jeder Mensch hat seine eigenen
Heiligen. Das sind seine Vorbilder, die in seinem Leben eine Rolle spielten oder ihm noch immer das bedeuten, was in überhöhter, vielleicht auch übertriebener Weise in der katholischen Kirche institutionalisiert wurde.

Während des Pontifikats von Johannes Paul II. (1978-2005) wurden 482 (!) Personen heiliggesprochen

Auf der Seite des Vatikans sind diese namentlich aufgeführt.

Sollte wirklich gelten, dass jemand erst nach dem Tod
heilig gesprochen werden kann, habe ich seit diesem Jahr eine "Heilige" der grossen Schar der menschlichen Vorbilder beizufügen.

Meine Mutter.

Was macht ihre Heiligkeit aus?

Ihr Glauben. Und das, was dieser ihr in ihrem Leben bedeutet und wie er sich ausgewirkt hat auf sie und alle, die sie kannten, aber ganz besonders auf uns, ihre Kinder. Selbstverständlich würde sie in einem vatikanischen Verfahren zur Heiligsprechung nicht durchgehen. Gott sei Dank, nicht! Sie war ja auch nicht katholisch! Sonst ginge ja unter, was sie in uns bewirkt hat. Das sind keine übermenschlichen, nachweisbaren Wunder, welche mit dem Heiligenschein
prämiert würden!

Nein, für mich war unsere Mutter eine Heilige im Sinne eines Vorbildes im Glauben. Ich weiss, dass meine Ansicht
sicher zu Recht von meinen Schwestern nicht bedingungslos geteilt werden kann. Darüber will ich jetzt aber nicht berichten und auch nicht spekulieren, wie und weshalb wir zu verschiedenen Auffassungen über die Heiligkeit unserer lieben Mutter kommen. Genauer gesagt, ich weiss gar nicht, ob sie überhaupt je einmal so dachten, wie ich über sie denke und schreibe!

Für mich war unsere Mutter eine Frau, die ich nie hässig gesehen habe, nie ungeduldig, nie schlecht gelaunt und nie jammernd über ihr eigenes Ergehen. Mag sein, dass ich da etwas vergesslich bin und mich nicht auf die eigenen Kinder- und Jugendjahre zurückbesinnen kann, wo es sicher auch zu Konflikten gekommen sein mag, in denen sie noch nicht so ausgeglichen reagierte. Aber nochmals, es geht mir hier nicht um Menschliches und Allzumenschliches, sondern um das, was in mir unsere liebe Mutter für meinen eigenen Glauben bewirkt hat.

Das eben, was uns Menschen durch unser Denken über unsere rein arterhaltende Triebe von den übrigen Lebewesen unterscheidet: Das Denken über uns selbst und unsere eigenen Bedürfnisse hinaus!

Allerseelen folgt einen Tag nach Allerheiligen. Da soll aller Dahingegangenen gedacht werden, nicht nur den Geheiligten.
Heilig und Seele sind überirdische Begriffe, Bezeichnungen für etwas, das über das hinausgeht, was wir direkt und fass- oder beweisbar in unser Leben integrieren können. Es sind Inhalte des Glaubens.

Nun mag es paradox erscheinen, dass ich noch nie so durch und durch, bis ins Innerste meiner Seele (so man das kann!), am Inhalt dessen zweifelnd gelitten habe, was den christlichen Glauben meiner Mutter ausmachte, wie jetzt, nachdem sie mit einem so sanften Abschied in der festen Hoffnung auf die
göttliche Verheissung von dieser Welt gehen durfte!

Mein verzweifeltes erstes Gebet nach ihren letzten Atemzügen war die Bitte zu Gott, dass es IHN doch BITTE WIRKLICH geben möge! Wenn (in meinem Zweifeln) noch nicht bis jetzt, dann doch BITTE
JETZT und AB SOFORT! Damit sich erfüllen möge, an was meine Mutter so unerschütterlich bis zu ihren letzten Atemzügen geglaubt hat!

Unsere Mutter hat selbst bestimmt, was auf ihrer Todesanzeige stehen soll:

Lass mich nun in Frieden aufstehen
und heimkehren zu Dir,
denn ich habe Deine Güte gesehen" *


Ich habe nie ernsthaft gezweifelt, dass es etwas gibt, das all unser Wissen übersteigt.

Umso mehr aber zweifle ich je länger je mehr an den Gottesbildern, die uns - von wem auch immer - vermittelt werden. Immer mehr bekommen die Worte des grossen jüdischen Theologen und Philosophen Martin Buber für mich Bedeutung:

"Gott aber, die ewige Gegenwart, lässt sich nicht haben."


oder praktisch gesagt:
Über Gott kann man nicht sprechen, nur mit ihm!

Je mehr ich nachdenke, je mehr ich
weiss über Gott, desto grösser werden meine Zweifel!

Ich kann ja mehr über Gott, wie er anscheinend sein soll, nur durch das Buch der Bücher und dessen unzählige Auslegungen und durch die Kommunikation mit anderen Menschen und das Geschehen auf dieser Welt erfahren. Doch all dies gibt mir noch lange keine Sicherheit, dass es diesen Gott gibt und schon gar nicht, dass
falls es ihn gibt - für mich ganz persönlich nicht alles aus ist nach meinem Tod. Oder zumindest (und an das glaube ich!) - nochmals ganz anders sein wird, als dies auch der gottesfürchtigste Mensch, den je es je gab, zu schildern imstande war!

Heute morgen kam in der Sternstunde Religion des Schweizer Fernsehens der wohl
bekannteste Atheist der Gegenwart, der Evolutionsbiologe und Religionskritiker Richard Dawkins, zu Wort. Er sprach über sein neues Buch „Kein Gott und keine Schöpfung“.

Dawkins bezeichnet Religion und der Glaube an einen Gott als etwas Schädliches, insbesondere, wenn Kinder im Glauben an einen Gott erzogen werden. Es sollen keine falschen Hoffnungen geweckt werden, welche die Realität verschleiern oder
diese in "göttlichem Licht" darstellen. Für ihn spricht einfach alles gegen die Existenz eines höheren Wesens, so, wie die Religionen etwas über das rein Biologische setzen. Für ihn gibt es somit logischerweise auch keine Schöpfung. Es gibt nur ein ständig sich erneuerndes Leben mit einer sich weiter entwickelnden und sich den Lebensumständen anpassenden Artenauslese und wechselnde Vielfalt der Lebewesen.

Dawkins ist bei weitem nicht der erste und nicht der letzte, der über die
se Fragen Bücher geschrieben hat. Es sind schon unzählige Bücher über weit unwichtigere Fragen geschrieben worden, doch die Frage nach Gott - und daraus folgend die Schöpfung - scheidet wohl wie kaum etwas anderes, unversöhnlich die Geister, die sich damit befassen!

Sicher sitzt Dawkins am längeren Hebel, wenn er - mit was auch immer - Argumente aufzeigt, die für eine
natürliche Entstehung und Entfaltung aller Materie und allen Lebens sprechen und einen Schöpfergott als menschliche Wahnvorstellung oder bestenfalls Wunschdenken abtut.

Da kann ich nicht anders als ihm ganz einfach aus persönlicher Überzeugung zu widersprechen, ohne dass ich seine Bücher lesen muss: Für mich besteht
Schöpfung und Gott nicht aus demselben Stoff, der Inhalt allen Seins ist. Ich brauche da gar nicht erst die theologischen Auslegungen über das Wesen von Gott und seiner Schöpfung bemühen. Das, was mir Ausgangspunkt und letzte erdenkliche Gewissheit bedeutet, finde ich in der schon fast banalen Einfachheit im Ich und Du von Martin Bubers Hauptwerk begründet, nämlich dass Leben denkfähiger Lebewesen gar nicht möglich wäre ohne ein Du, also die Mitmenschen. Doch was ist mit dem "ich und du" und unserer Kommunikation, wenn man sich nicht etwas Höheres vorstellen kann als die eigene Existenz? Oder sollte ich auf andere Menschen hören, die besser wissen, was wirklich wahr ist und was nicht?

Wer sich hinter die Bücher meines so verehrten Martin Buber macht, wird
sich wundern, wenn ich seine Aussage in seinem Hauptwerk als banal einfach bezeichne! Seine Sprache ist alles andere als dies! Wenn man sich aber in seine Worte vertieft, werden diese so einleuchtend, dass ich sie als den für mich glaubhaftesten Gottesbeweis halte:

"Gott umfasst das All, und ist es nicht;
so aber auch umfasst Gott mein Selbst, und ist es nicht.“


Buber sieht in der menschlichen Fähigkeit der Sprache die Verbindung zum
„ewigen DU“. Durch die Sprache kann der Mensch in Zwiesprache kommen mit Gott! Doch wenn das Wort losgelöst wird vom Ich und vom Du und sich nur noch mit einer Sache befasst, verliert es den Bezug zum Unauflösbaren. In letzter Konsequenz stünde dann die Aussage des "Besessenen, der Gott zu besitzen meint", oder ihn eben grundwegs als inexistent zu erklären!

Doch genau hier beginnt das Rätselraten und das Denken und Nachdenken über das Sein oder Nichtsein, über Sinn oder Zufälligkeit unseres Lebens und über die Frage, ob der Tod ein absolutes Nichtsmehr sein wird oder der Anfang eines ganz anderen Seins, in dem wir dann dem geahnten
„ewigen Du“ in uns undenkbarer Weise nahe sein werden!

Ich beginne jetzt nicht mit der Auslegung weiterer theologischer Erkenntnisse.

Mir bedeutet
in den Tagen von Allerheiligen und Allerseelen weit mehr das Leben und Sterben unserer lieben Mutter. Sie hat einmal in ihr Tagebuch geschrieben:

„Ostern bedeutet für mich das grösste Fest“.


Sie hat in so hoffnungsvollem Glauben, mit dem Ausdruck der freudigen Erwartung des Kommenden und im tiefgründigen Vertrauen an ihren Erlöser,
bewusst bis zum letzten Atemzug, gelebt.

Das ist es - wieder mit Martin Buber gesprochen - was Menschensein ausmacht und was - mit
der Hoffnung und im Glauben an die Begegnung mit einem ewigen DU - unserem Leben Sinn und im Sterben Hoffnung und Trost gibt:

"Alles wirkliche Leben ist Begegnung."


D
as ist wirkliche Begegnung mit einem Du, wie wir sie hatten mit unserer lieben Mutter, die ihrem Weg mit einem so voller Vertrauen getragenem Glauben eine Richtung über den Tod hinaus gegeben hat.

W
ir, die wir noch zaudernd verdrängen, dass auch wir uns jederzeit vor die bange Frage gestellt sehen könnten, was im nächsten Moment sein wird, wenn auch für uns das Ende naht, dürfen ihr unerschütterliches Gottvertrauen als ihr höchstes Vermächtnis in unseren noch schlagenden Herzen bewahren...



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