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7.März - Begegnung

ZUM TAG > 2009 > März 2009

Samstag, 7.April

Begegnung

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“

Heute durfte ich einem Menschen begegnen, den ich bis jetzt nur über Mails und Telefon kennen gelernt habe.
Eigentlich war es keine Überraschung, dieses persönliche Sich-Kennenlernen, sondern einfach ein Fortschreiten auf einem Weg auf dem man nebeneinander hingeht, ohne sich ständig anzuschauen. Einfach wie ein Blick zum schon vertrauten Du, das ich als Person wahrnehme, die mit mir unterwegs ist. Ein Mensch aber, der seinen eigenen Weg geht und der sich mit mir freut dass wir uns einmal so direkt begegnen können wo sonst nichts im Wege steht! Eine Begegnung an einer Wegkreuzung. Bildlich gesprochen dort, wo - wie auf alten Bildern - ein „Wegkreuz“ steht, als stummes Zeichen menschlichen Versagens und erlebten Leidens, das durch den Glauben an das Wahre und Gute überwunden werden kann... Wir haben ein erwünschtes Ziel erreicht: Die Begegnung. Dann geht das Leben weiter, und unsere Wege werden sich wieder trennen, auch wenn wir uns verbunden fühlen auf einem inneren, gemeinsamen Weg. Jeder geht seinen eigenen Lebensweg weiter, bereichert durch die zurückbleibende Erfahrung aus der Begegnung.

Wir haben während unserem Zusammensein alles voneinander gewusst, was wir in dieser Zeit zusammen erlebt haben. Doch wie und was uns dabei bewusst wurde, wissen wir voneinander nicht.
Jetzt, wo dieses DU wieder zu einer SIE für mich geworden ist, bleibt nur die Erfahrung aus dieser Begegnung zurück und die Person ist für mich nur noch in meiner Einnerung gegenwärtig. Ich weiss nichts mehr von ihr, als das, was ich mir aus meiner Erfahrung und Erinnerung bilden kann.

„Du sollst dir kein Bildnis machen“. Es wird gelehrt, dass wir uns von Gott kein Bildnis machen sollen. Gott selbst habe das so befohlen.

Aus einem so weisem Befehl könnte man schon fast zur Überzeugung kommen, dass es einen Gott geben muss! Denn nichts ist schlimmer und gottloser als der Versuch, Gott unfehlbar darstellen zu wollen. Die weisesten Theologen – auch wenn sie unendlich viel über Gott aussagen – sind sich darin einig, dass alles was über Gott gesagt wird, höchstens einer dem menschlichen Denkvermögen möglichen Vorstellung von etwas Vollkommenen nahekommen kann, also eigentlich ein ideales Menschenbild. Darüber hinaus kann nur ausgesagt werden, was Gott nicht ist. Also ist jedes gesprochene oder gestaltete Bild Gottes ein Menschenbild oder ein Bild eines Menschen. ( Zu Ende gedacht ist es ebensowenig möglich, sich ein Bild zu machen von dem, was ist, wenn Gott nicht ist!)

Doch eigentlich wollte ich ja von einer Begegnung mit einem Menschen erzählen.

Als wir uns verabschiedeten und ich allein meines Weges nachhause ging, musste ich mich wehren gegen Gedanken der Verzweiflung. Wieder hat man mich nicht verstanden. Wieder hat man sich ein ganz falsches Bild von mir gemacht. Wieder wurde ich missverstanden.

Zwar konnte ich schon im Gespräch versuchen, dieses Bild zu korrigieren, das ich aus den Äusserungen meines Gegenübers zu sehen glaubte. Es kamen Erklärungen zurück, dass ich genauer hinschauen müsse und dass es nicht so gemeint sei, wie ich das sehe. Vielleicht vergleichbar mit einem Maler, dem ich als Modell stehe. Ich muss ihm die Freiheit lassen, dass er mich so malt, wie er mich sieht. Das ist sogar ehrlicher als wenn mich jemand fotografiert. Da stimmt dann einfach alles, aber eine Fotografie sagt zwischen dem Fotografen und mir weniger über mich aus von dem, was der Fotograf über mich weiss als der Maler, dem ich lange gegenwärtig bin. (Gute Fotografen bitte ich um Nachsicht. Vergleiche hinken immer!)
Weder das Bild noch die Fotografie vermitteln Wissen über das, was ich als Mensch bin. Ich weiss von mir auch nur, was ich mir selber bin, aber wirkliches Leben besteht nicht aus dem, was ich mir selbst bin, sondern aus dem, wie ich mich selbst in diese Welt eingebe, wie ich darin wirke. Das geschieht nur durch Begegnung. Ich kann nichts tun und nichts lassen, ohne dass ich „der Welt" begegne. Alles andere ist Erfahrung, ist Vergangenheit und gestaltetes Leben und Erleben. Es sind Abbildungen, Bilder, Dinge, die geschehen sind.

Das waren Gedanken, die mir auf dem Weg nachhause durch den Kopf gegangen sind. Wir machen uns alle Bilder voneinander. Wir machen uns Bilder von dem, was wir erlebt haben. Am Eindrücklichsten bleiben uns jene Bilder in Erinnerung, die nicht den normalen Alltag abbilden, die nicht der Norm entsprechen. Es können schöne, aber auch schreckliche Bilder sein. Wir tragen diese Bilder mit uns durch unser Leben und sind seltsamerweise nur wenig darin geübt, diese Bilder einmal genauer „unter die Lupe“ zu nehmen und allenfalls zu korrigieren oder etwas freundlicher umzugestalten, wenn sie uns unangenehm „ins Auge fallen“! Noch weniger sind wir fähig, die schlimmsten Bilder einfach zu vernichten und als Vergangenheit aus unserem Leben zu streichen. Solches zu tun, ist wohl nur einem göttlichen Wesen möglich.

Eben dem Wesen, von dem der Mensch sich kein Bildnis machen soll.

Frage: Wäre es nicht folgerichtig zu sagen, wir sollten nicht versuchen, gegenseitig Bildnisse voneinander zu machen, das den andern so darzustellen versucht, wie er ist?

Oder anders gefragt: Darf ich mir nicht ein Bildnis machen von Gott, so wie ich ihn mir vorstelle, aber mit dem Wissen, dass dies Gott nicht sein kann, sondern nur das, was ich mir von ihm vorstellen kann in der Hoffnung, dass darin der wahre Sinn meines Lebens besteht?

Zurück zum Menschenbild: Kann ich ein Bildnis machen von einem anderen Menschen, das ihn so darstellt wie er ist? Ich meine nicht ein gemaltes und auch keine Fotografie, sondern eine innere Vorstellung eines Menschen. Ein Bild in meinem Gedächtnis, das ich unter einem bestimmten Menschen dort als endgültiges Abbild von ihm ablege!

Nein! Und doch wird es nicht anders möglich sein, als dass ich in meinem Gedächtnis das behalte, was mir begegnet, was ich erfahren habe! Wäre es nicht ebenso sinnvoll wie die Hoffnung, dass der wahre Sinn meines Lebens in etwas Höherem verborgen ist, von dem wir nur Gutes erhoffen, wenn wir ebenso uns unsere Mitmenschen ein-bilden und weiter-bilden durch neue Begegnungen und unserer Hoffnung, dass uns alles zum Guten dienen möge?

Denn das, was ich erfahren habe, ist nicht mehr Begegnung, sondern das, was zurück bleibt davon. Es ist das Abbild vom Leben, vom Erlebten! Es ist nicht mehr Gegenwart!

Wenn ich nochmals vom Menschen weg, mich Gott zu wende, so wäre es logischerweise einzig und allein möglich, von Gott ein wirklich in allem zutreffendes Bild zu „haben“, weil er mir immer gegenwärtig und immer und in allem wahr und vollkommen ist. Ich muss es nicht „malen“, es ist da, wenn ich es zu sehen vermag und es als das deute, was ich unter „Gott“ verstehe. Wer solches nicht „sieht“, deutet innere Bilder anders und vielleicht sogar richtiger, weil er sich kein Gottesbild malt und damit dem wahren Gott vielleicht sogar näher steht. Vielleicht.

Was soll das nun alles?

Es war ein Versuch von mir und für mich, eine erneute innere Verzweiflung aus einer Situation heraus zu überwinden, in der ich mich schlecht verstanden fühlte. Nicht das von mir empfundene Missverständnis führte mich in die Verzweiflung, sondern meine Ohnmacht, dass ich mir noch kein Bild darüber machen kann, wie ich es einrichten muss, dass man mich als den Menschen versteht, der ich bin. Ein unerfüllbarer Anspruch!

Doch was mir neuen Antrieb gegeben hat aus dieser Begegnung heraus ist die Tatsache, dass wir unsere Begegnung genutzt haben, an diesem „Bild“ zu arbeiten, es zu entwerfen, bestehende „Bilder“ aus anderen Perspektiven zu betrachten, verblasste aufzufrischen und auch zu hinterfragen, ob es nicht möglich wäre, auch längst bekannte einmal aus einem anderen Gesichtswinkel zu betrachten, wobei ganz neue Erkenntnisse daraus gewonnen werden könnten!

Nicht nur ist es unmöglich, ein wahres Abbild eines lebenden Menschen in sich zu haben, es wird auch nie gelingen, ein Bild zu gestalten, das nicht Dinge zum Inhalt hat, die aus Erfahrenem bestehen. Wenn solche Bilder verstanden oder gar begehrt werden sollen von Mitmenschen, müssen sie etwas darstellen, das auf Verständnis stösst. Wenn zudem bestimmte Menschen damit erreicht werden sollen, dann wird die gestellte Aufgabe noch anspruchsvoller und zu einem Wagnis, das sich lohnen mag, es einzugehen.

Ich komme zum Schluss, dass jedes Bild genauso unvollkommen ist, wie alle Gottesbilder, die wir uns machen. Mit dem Unterschied, dass wir mit falschen Menschenbildern Mitmenschen vernichten können. Gott schaden wir mit Bildern nicht, aber er lässt sich auch nicht durch solche erfassen. Menschen-, wie auch Gottesbilder, können aber folgenschwere Auswirkungen auf Menschenleben haben.

Doch sie können auch Leben lebenswerter machen!


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