tinjo's HOMEPAGE


Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü


6.November - Hymne auf die Zärtlichkeit

ZUM TAG > 2010 > November 2010



Hymne auf die Zärtlichkeit



«Zärtlichkeit ist das Lebenselixier echter Freundschaft ...

Wirklich konkret wird die Grundstimmung der Zärtlichkeit erst in den zahllosen Zärtlichkeiten im alltäglichen Leben einer Freundschaft.

Freundschaft lebt entweder von den Zeichen und Gesten der Zärtlichkeit,
oder sie wird nur allzu bald erkalten und absterben.

Freundschaft lässt sich nun einmal nie bloss leben mit dem Kopf allein,
ja nicht einmal mit dem Herzen allein.
Sie will vielmehr den ganzen Menschen durchströmen — bis
in die Fingerspitzen hinaus ...
Denn zärtlich sein heisst, sein Herz sprechen zu lassen durch die Gesten des Leibes. Deshalb sind die Zärtlichkeiten die Elementarsprache menschlicher Freundschaft ...

Echte Freundschaft kennt Erfahrungen,
für die es eigentlich keine andere Sprache mehr gibt als die Gestik der Zärtlichkeiten.

Um wie viel übersteigt doch etwa eine schweigende Umarmung des Freundes beim ersehnten Wiedersehen nach langer Trennung auch die gelungensten Worte!»


. ~~ . ~~. ~~.




Wohl kaum jemand Uneingeweihter würde darauf kommen, dass solche Gedanken einst ein junger Theologe kurz vor seiner Priesterweihe geschrieben hat. Einer nämlich, der nächstens (am 20.November) in Rom aus den Händen von Papst Benedikt XVI. den Kardinalspurpur entgegennehmen darf.


Der ehemalige Bischof von Basel, Kurt Koch!

Michael Meier, der kritische Journalist und Spezialist für kirchliche Angelegenheiten des Tages-Anzeigers, hat ein Büchlein ausgegraben, das Koch an Weihnachten 1981, ein halbes Jahr vor der Weihe, geschrieben haben soll:

«Lebensspiel der Freundschaft».

Dazu Meier:
"In diesem «Meditativen Brief an meinen Freund» besingt Koch euphorisch die Freundschaft, die ihm «mitten im Strudel heutiger Erfahrungen von menschlicher Heimat- und Obdachlosigkeit » besonderen Halt gab. Wie sehr ihn die Freundschaft umtrieb, belegt seine Aussage, dass die Freunde «regelrecht ins Stottern geraten müssen, wollen sie über den Anfang ihrer Freundschaft Rechenschaft ablegen».
Sein Freund wird ihm zum «zweiten Ich». Ja: «Mein Freund ist geradezu die zweite, die soziale Gebärmutter meines Lebens. Sein Freundschaftsdienst ist Hebammendienst an meinem Leben und an meiner Identität.» "

Der damalige Churer Bischof, Johannes Vonderach, wollte ihn nicht als Professor an der Theologischen Hochschule in Chur haben, obwohl ihn die Professorenschaft einstimmig zum Dogmatik-Ordinarius gewählt hatte. Wer die Diskriminierung der Frau in der Kirche und die Zurücksetzung der Laien kritisiere,
"sei nicht mehr katholisch", also ungeeignet als Professor.

Schade, sonst hätte ich ihn auch als Dozent erlebt. Das hätte sicher zu spannenden Gesprächen geführt, insbesondere weil er ein weiteres
"heisses kirchliches Eisen" aufgriff durch sein Büchlein: «Aids, eine traurige Chance?». (Ein Thema, das damals meinem Studium eine folgenschwere Richtung gab...)

Meier kritisiert in seinem Bericht die spätere Kehrtwendung von Bischof Koch, wenn es um das Thema Homosexualität geht und dokumentiert das mit einem äusserst tragischen Beispiel.

Vielleicht etwas zu gewagt und tendenziös sind Meiers Recherchen über Kochs Studienzeit. Was blieb Koch wohl anderes übrig, als sich zu verteidigen. Meier zitiert ihn aber auch entlastend:
«Man kann eine schöne Freundschaft unter Priestern auch pflegen, ohne sie sexuell zu leben. Oder soll man denn alle Seelsorgenden, die in Freundschaftsbeziehungen leben, oder Priester, die in Vita communis leben, der gelebten Sexualität verdächtigen?»

Obwohl Bischof Koch zu erklären versucht, dass man ihm dieses Büchlein nicht als autobiographisch auslegen dürfe, kann Meier es nicht lassen, mit weiteren Recherchen nachzuweisen,
" dass das Büchlein einen konkreten Adressaten hatte: einen Priester, der heute im Bistum Basel tätig ist". Das zeige schon das Vorwort, in dem Koch schreibt,über Freundschaft könne man nur schreiben, wenn man «seine eigene Erfahrung erzählend ins Wort bringt».

Meier zeigt mit weiteren schwerwiegenden Beispielen, wie sich Koch zum Thema Homosexualität verhält. Es kann zusammengefasst werden in der Aussage eines Gemeindeleiters aus einem geschilderten, äusserst tragischen Beispiel, einer homosexuellen Beziehung :
«Schlimm ist die Doppelmoral. Solange eine Beziehung nicht öffentlich ist, wird sie geduldet. Nur wenn man dazu steht, muss man gehen.»

Meier erwähnt den Psychologen Udo Rauchfleisch, der hinter manifester Schwulenfeindlichkeit die Angst vor eigenen, bei sich selbst aber abgelehnten schwulen Seiten sieht. (Nur bedenklich, dass er solche Äusserungen noch nie im Zusammenhang mit Pädophilenfeindlichkeit gewagt hat!) Für Rauchfleisch sei es «tragisch zu sehen, wie in der Kirche...Männer die eigene Homosexualität an
anderen bekämpfen».

Sehr gerne erwähne ich - und stimme dem voll bei - ein Zitat des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber, ( wobei allerdings nicht eindeutig hervorgeht, ob Meier oder Rauchfleisch diesen "bemühte" ):

«Die grösste Sünde ist es, gegen das eigene Wesen zu leben.»

Da darf man schon sehr gespannt sein, wie sich ein als Kardinal und Christuszeuge bewähren wird, der einmal schrieb, Freunde wüssten, «dass keine einzige Entdeckung, die sie aneinander machen, beschämend sein kann, wenn sie sie nur mit dem Zartgefühl der Liebe machen».»

Setzt man sich mit der Haltung der katholischen Kirche zu heiklen Thematas auseinander, bleibt wohl nur die Erkenntnis, dass nicht nur das erzwungene Zölibat (nicht das überzeugte!) mit viel Selbsttäuschung, wenn nicht Verlogenheit verbunden ist, sondern auch die weltabgehobenen Ideale, welchen nachzuleben, sich die hohe Geistlichkeit verpflichtet sieht.



Suche

Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü