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30.Januar - "ich tat es für mich"!

ZUM TAG > Das Wort zum Sonntag 2011


Ich tat es für mich -

Holocaust-Überlebende treffen Kinder von Nazis



"Als Kind hat Eva Mozes Kor in Auschwitz die grausamen Versuche des NS-Arztes Josef Mengele erleiden müssen. Heute hat die 76-Jährige ihren Peinigern vergeben. Nun kommt sie ins Gespräch mit Nachkommen von NS-Tätern."

Sollen, - können Naziopfer ihren Tätern vergeben?


Darüber will und darf ich nicht urteilen und auch keine Empfehlung abgeben. Dies wäre eine Anmassung. Kein Mensch kann ermessen, was den Opfern von diesen nationalsozialistisch verblendeten Peinigern angetan wurde. Nur wer dies selbst durchgemacht (und überlebt!) hat, kann beurteilen - und dies auch nur für sich selbst - ob hier Vergebung „gut“ oder „entlastend“ oder sonst wie von Nutzen sei.

Frau Mozes Kor erzählt in dieser Sendung von
wie sie sich aus ihrer Opferrolle befreien konnte. Sie hat ihren Nazipeinigern vergeben und traf sich sogar mit einem ehemaligen Arzt, der damals an den Zwillings-Versuchen mitgewirkt hatte..

So begründet sie ihre heutige Haltung:

„Ein Opfer verfügt über keine andere Kraft, um das Gefühl der Machtlosigkeit zu überwinden, als zu vergeben. Auf diese Weise stellt es das Gefühl wieder her, die Kontrolle zu haben und - schau, - ich habe diese Kontrolle, die andern Opfer nicht.
Ich verstehe es, dass sie es vorziehen, am Schmerz festzuhalten, vielleicht, weil sie Angst davor haben, dass ihnen nichts mehr bleibt, wenn sie ihren Schmerz aufgeben. Ich lasse nicht davon ab, ihnen zu sagen, dass es nicht so ist. Ich sehe nichts Verdienstvolles in der Art, wie sie ihr Leben leben.“
Dann zitiert sie Nelson Mandela :

„Verbitterung ist wie ein Gift, das du trinkst.und dabei hoffst, es vergifte deine Feinde.“


Ihre Frage an alle, die ihre Verbitterung über erlittenes Unrecht nicht loslassen können:

„Was um alles in der Welt kann schief gehen, wenn du Schmerz und Zorn aufgibst?
Versuch es nur ein einziges Mal!“


Eine Gemeinschaft die versucht, die Bergpredigt im Alltag zu leben , schreibt in der Einladung zu einer Tagung mit dem Titel: “Heile das Zerbrochene“:
„Wir möchten uns auf den Weg der Heilung von den Wunden der Vergangenheit begeben. Das Bedürfnis nach Heilung erstreckt sich weit über die Generationen derer die den Nationalsozialismus als Opfer, Täter, Widerstandskämpfer oder als Mitläufer erlebt haben. Solange Leiden und Schuld der Vergangenheit nicht konstruktiv bewältigt wird, werden sie die Zukunft der heutigen Jugend und weiterer Generationen vergiften.

Heilung von Zerbrochenem heisst nicht nur Vergebung, sondern die Sorge dafür, dass nie wieder Gleiches geschehen kann.

Vergebung wäre somit erst dann sinnvoll und möglich, wenn beim Täter Einsicht besteht und er seine Tat bereut.

Die vorliegende Sendung von Radio DRS vermittelt ein eindrückliches und vorbildliches Zeugnis davon, dass Vergangenes – auch wenn es noch so schlimm war - einen Menschen zum Vorbild werden lassen kann für andere Leidtragende, aber auch für alle, die solches Schicksal nur vom Hörensagen kennen.

Glücklicherweise müssen nicht alle Menschen solch schwere Schicksale durchmachen. So stellt sich die Frage, was wir Glücklicheren davon lernen können.

Wie sieht dies in unserem Alltags-Leben aus?

Ich wiederhole meinen Rückschluss aus den Worten von Frau Mozes:

Vergebung ist erst dann sinnvoll und möglich, wenn beim Täter Einsicht besteht und er seine Tat bereut.


Darf ich daraus folgern, dass es sinnlos wäre, einem „Täter“ zu vergeben, der sich nach wie vor im Recht sieht und seine „Tat“ nicht bereut?

  • Wo ein „Täter“ ist, da gibt es „Opfer“.

Oder anders herum:
Wenn im säkularen Sprachgebrauch der Begriff „Opfer“ auftaucht, stellt sich meist sofort die Frage:

  • Wer ist der „Täter“?


Als eines von unzähligen, aber ganz aktuelles trauriges Beispiel, erinnere ich an Mirco, der zehnjährige Knabe, der von einem ihm unbekannten Familien-Vater getötet wurde. Zur Abreagierung von unerträglich gewordener Frust, die ihm seine berufliche Tätigkeit einbrachte...

Mirco – das Opfer eines unbeherrschten Mannes. Ein Täter und sein Opfer.

Auch da stellt sich irgend wann einmal die Frage, ob die Eltern von Mirco sich zu lösen imstande sein werden von dem ihnen von diesem Täter zugefügten Schmerz. Denn auch sie sind Opfer von ihm!

Ohne ausser Acht zu lassen, wie viel Leid und Unverständnis solche Taten zurücklassen, möchte ich dazu einmal eine grundsätzliche Frage stellen:

  • Ist es richtig und entspricht es der Tat-“Sache“, wenn bei solchen Geschehnissen von „Täter“ und „Opfer“ gesprochen wird? ( Schon hier zeigen sich Missverhältnisse im deutschen Sprachgebrauch: Eine Tat wird als „Sache“ bezeichnet, das Ergebnis der Tat als „Opfer“. Opfer ist aber nicht einfach die Bezeichnung einer „Sache“, sondern steht immer in Beziehung zu einem Ausführenden oder einer „Ursache“!)


Ein Mann bringt einen Jungen um. Eine Tat und ein grausames Schaden-Ergebnis!

Bei diesem Beispiel zeigt es sich besonders deutlich, dass der Begriff „Opfer“ irgendwie fehl am Platz ist. Die beiden Beteiligten haben sich ja nicht gekannt. Mirco wurde „zufällig“ zum „Opfer“.
Zwischen „Täter“ und „Opfer“ bestand überhaupt keine Beziehung. Sie ergab sich allein durch diese Tat. Also steht der tote Mirco erst seit dieser Tat in Beziehung zum Täter.
Das hat nun schlimmste Auswirkungen auf seine Hinterbliebenen, die damit in eine Beziehung geraten sind, die sie nie gesucht haben und die ihr Leben grundlegend verändert.

Wäre es da nicht besser, sie würden sich sofort mit allen möglichen Mitteln aus diesem Beziehungs-Verhältnis lösen? Müssten die Hinterbliebenen von Mirco sich nicht voll auf das konzentrieren, was ihnen abhanden gekommen ist? Also sich erinnern, was Mirco in ihr Leben gebracht hat und wie es ohne ihn nun weiter gehen soll.

Sollten sie sich vom Täter nicht genau so schnell wieder trennen (können), wie dieser sich aus seiner kurzen Beziehung zu Mirco getrennt hat? Nicht mit derselben unbegreiflichen Brutalität, aber in der Überzeugung, dass die Aufrechterhaltung einer Hass-Beziehung zum „Täter“ das ganze Unglück nur noch viel grösser und unüberwindbarer macht.
Auch da gelten die Worte Mandelas:

„Verbitterung ist wie ein Gift, das du trinkst.und dabei hoffst, es vergifte deine Feinde.“


Ebenfalls gilt wohl, wie oben schon vermerkt:
Darüber will und darf ich nicht urteilen und auch keine Empfehlung abgeben. Dies wäre eine Anmassung.
Aber Gedanken darüber darf ich, dürfen sich alle machen...

Wenn die Eltern von Mirco sich nicht aus dieser “Täter-Opfer“ - Beziehung lösen können, geschieht etwas wohl Ungewolltes und eigentlich Absurdes:
Sie machen den Täter zum Opfer, weil dieser so lange keine Möglichkeit mehr hat, sich aus dieser Beziehung zu lösen, bevor nicht seine sekundären Opfer - also die Eltern von Mirco – ihm verziehen haben und ihn aus dieser Beziehung entlassen!

Und da sind wir wieder an dem Punkt, wo die wohl unabwendbare Voraussetzung gilt:

  • Bevor ein Täter seine Tat nicht bereut, kann eine „Täter-Opfer“- Beziehung nicht aufgelöst werden! Die Bereitschaft zur Auflösung muss aber vom „Opfer“ kommen!


Der Täter wird selbst zum „Opfer“, ist also zugleich Objekt und Subjekt seiner „Opfer“handlung!

Deshalb müsste die Frage gestellt werden:

Wird der Begriff Opfer hier richtig gebraucht?
Sollte nicht eher von "Schaden" oder "Geschädigtem" gesprochen werden?

Was ist denn eigentlich ein „Opfer“?

Eine Frage, die gar nicht so leicht beantwortet werden kann, weil sich hier – nach meinem Empfinden - eine Schwachstelle in der deutschen Sprache zeigt.

In der französischen Sprache würde Mirco als
„victime“ dieses Mörders bezeichnet.

Dieser Begriff hat aber nichts gemein mit der anderen Bezeichnung für Opfer:
„sacrifice" oder „se sacrifier“ womit gemeint ist, dass jemand ein Opfer darbringt oder sich selbst (auf)opfert!

Im deutschen Sprachgebrauch können Menschen und sonstige Lebewesen Opfer von Tätern werden. Aber auch Dinge jeglicher Art! Menschengruppen bis hin zur ganzen Bevölkerung eines Landes können Opfer werden von Despoten oder von Repressionen durch Machtinhaber korrupter Regierungen usw. Menschen können aber auch Opfer von Ideologien werden, sogar wenn deren Urheberschaft nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Dies nur einige Beispiele, die sich beliebig erweitern liessen und doch erst die eine, zweifelhafte Bedeutung für dieses Wort aufzeigen.

Das deutsche Wort „Opfer“ ist vom Verb opfern abgeleitet. Dieses stammt vom kirchenlateinischen
operari : werktätig sein; einer religiösen Handlung als Opfer dienen.

Jetzt wird es nämlich spannend, wenn wir den Begriff in seinem ursprünglichen Zusammenhang betrachten!

Schauen wir, wie es sich mit diesem Begriff im religiösen Bereich verhält. Da muss in unserer christlichen Tradition nicht weit gesucht werden.
Das Kreuz erinnert an den „Opfertod“, Jesu. Er sei für uns und unsere Schuld gestorben, auf dass uns diese für ewig (von Gott!) vergeben sei!

Eine wahrhaft göttliche und zugleich menschliche, von Menschen tradierte Botschaft!

Wenn dieses Geschehen wirklich einmal ein solches war und auf ewig gelten soll, dann wäre ja Gott der Täter, der unvollkommene, sündige Menschen geschaffen hat und ein komischer Gott zugleich, der seinen „geliebten“ Sohn opfert, um seine „Fehlschöpfungen“ doch noch zu rechtfertigen, trotz all ihrer Mängel!

Je länger ich über den Begriff „Opfer“ nachdenke, desto weniger kann ich ihn anwenden!

Für mich hat er nur noch dort eine Bedeutung, wo jemand aus eigenem Willen, eigener Überzeugung, Einsicht oder aus spontanem Entschluss etwas Ausserordentliches leistet.
Also nur noch dort,

  • wo "Opfer" und "Täter" identisch sind, bzw. wo "Opfer" und "Tat" eine sinnvolle Zuordnung zu einem "Täter" ergeben!


So betrachtet, erhält die christliche Botschaft eine andere Aussage:
Dass Gottes „Sohn“ Mensch geworden ist und „für uns“ (d.h. für unser sündiges Handeln) gestorben ist, damit „ewig lebe, wer daran glaubt“ (und sich in seinem irdischen Leben entsprechend verhält!) ist ein ausserordentlicher Vorgang, der niemand verstehen kann, ausser Gott selbst (so es ihn gibt und wahr ist, was „geschrieben steht“!)

Opfer kann also aus der Sicht des Glaubens nie eine Tat sein, bei der jemandem eine Schuld zugewiesen werden kann. Opfer bringt jemand (dar)! Also bedeutet „Opfer bringen“ das Gegenteil: Der "Täter" will sich damit ent- schuldigen oder etwas Gutes tun!

So gedacht, kann ein „Opfer“ also niemals Folge einer Tat sein, die „sinnlos“ ist! Derjenige, der ein Opfer (dar)bringt, tut dies aus einer Absicht, die allein er (der Täter) wirklich kennt. Auch wenn er im Nachhinein diese vielleicht ganz anders sieht und begründet, oder von Betroffenen oder Zeugen empfunden, erlebt oder weiter vermittelt wurde. Darum kann ein durch eine Tat geschädigter Mensch sich nie in dem Sinne als Opfer verstehen, wie der Täter aus seiner Sicht die Tat ausführte.

Dies gilt generell, wo Menschen Opfer von Tätern oder Taten werden. Wo aber die geschädigte Person vom Täter nichts mehr als allfälligen Schadenersatz oder dessen Bestrafung fordert, sollte nicht von „Opfer“ gesprochen werden, sondern von einem „Schaden“, der - unabhängig vom Täter - so gut wie möglich "repariert", geheilt oder verarbeitet werden müsste.

So bliebe der Begriff „Opfer“ für ausserordentlich Leistungen, für jene, die etwas „Selbstaufopferndes“ geleistet, etwas gegeben haben, das nicht selbstverständlich ist!

Wenn es z.B. für einen Nieren-Spender dem Empfänger gegenüber ein Opfer bedeutet, ist dies nicht mehr einfach eine Gabe sondern gleichzeitig eine Schuldzuweisung: Der Empfänger der Niere wird nun in gewissem Sinne vom Opfer des Schicksals (dass er eine Niere braucht um überleben zu können) zum „Täter“: Ohne ihn hätte der Spender ja seine Niere nicht „opfern“ müssen, und da er dies für ihn tut, wird er vom Spender abhängig, steht also in seiner Schuld! Eine Spende sollte also nur dort als "Opfer" bezeichnet werden, wo etwas wieder gut zu machen wäre, also wo jemand eine Schuld gut machen möchte.

Die Worte von Eva Mozes Kor bekommen jetzt vielleicht noch einen tieferen Sinn, weil sie auch für uns und für kleinere "Schaden-Ereignisse" gelten:

„Was um alles in der Welt kann schief gehen, wenn du Schmerz und Zorn aufgibst?
Versuch es nur ein einziges Mal!“



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