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23.März - Leserbrief zu Passetts Ansichten

ZUM TAG > 2010 > März 2010

Ein Leserbrief zu Peter Passetts Bericht, der nicht in seiner ganzen Länge im

abgedruckt wurde.

Deshalb steht er ungekürzt hier, weil er mehr als lesenwert ist!

Leserbrief zum Interview vom 19. März 2010 von Guido Kalberer mit Dr. Peter Passett: „Das Pädophile ist uns nicht fremd“

„Das Pädophile ist uns sehr fremd“

Das Wort „Pädophilie“ löst bei den meisten Menschen einen Sturm von Empörung, Entsetzen, Abscheu bis hin zu Hass aus. Man sieht schon beim Nennen des Wortes rot, man liest einen Artikel nicht mehr weiter, sondern schäumt sofort vor Wut.

In der heutigen Zeit, herrscht in unserer Gesellschaft eine durch Skandale, Enthüllungen und Medienberichte sehr aufgeheizte Stimmung.
Vor ca. 30 Jahren erhielten die Opfer von sexuellen Übergriffen erstmals eine Stimme und in der Folge, mittels Opferhilfestellen, auch eine Lobby. Menschen, die als Kind sexuellen Übergriffen ausgesetzt waren, mussten früher diese – oft schrecklichen – Erfahrungen nicht mehr bis ans Lebensende voller Scham und Schuldgefühlen in sich vergraben und das Leiden allein tragen. Auch heute noch brauchen ausgebeutete Menschen viel Zeit und Ermutigung, um sich zu öffnen und jemandem anzuvertrauen. Bis sie allfällig eine Anzeige wagen, benötigen sie noch mehr Mut, bekommen aber heute viel mehr Unterstützung.

Kinder sollen geschützt werden, das ist entschieden meine Meinung. Schutz für ihr Kind, das erwartet jede Mutter – sogar dann, wenn ihr ab und zu die Hand ausrutscht, sogar dann, wenn der Vater das unfolgsame Kind auch heute noch in die Besenkammer sperrt, sogar dann, wenn die Eltern das Recht in Anspruch nehmen, dem Kind vorzuschreiben, was es zu lernen hat, sogar dann, wenn die Eltern bestimmen, wie selbständig ihr Kind zu sein hat, wenn es noch Nähe möchte.

Wir leben in einer doppelbödigen Zeit.

Der Autor des Artikels lässt aber viel feinere Töne anklingen, die vielleicht – würden sie konsequent gelebt - die Welt verändern würden. Liebe LeserIn, sind Sie noch nie auf der Strasse oder in einem Lokal einem Menschen begegnet, der bei Ihnen warme, erotische Gefühle auslöste, bei dessen Anblick oder seiner warmen Stimme sich sogar ein sexuelles Gefühl ausbreitete? Für mich sind das wunderbare Augenblicke, aber deswegen stürze ich mich doch nicht auf diesen Menschen und reisse ihm die Kleider vom Leib. Haben Sie noch nie als Mutter Gefühle von grosser Zärtlichkeit erlebt, die durchaus auch erotisch gefärbt sein dürfen, wenn Sie Ihr Baby auf dem Wickeltisch pflegen und streicheln. Kleine Menschen, die Zärtlichkeit, Liebe, Zuwendung, Berührung und Zeit erhalten, werden zu liebesfähigen Erwachsenen, die sich selber mögen und achten, die liebes- und konfliktfähig sind und mit oder ohne Partnerschaft zufrieden und bezogen leben. Der Autor, ein in psychotherapeutischen Kreisen wohlbekannter Psychoanalytiker, lädt uns ein, auch verborgene Regungen, Gefühle, Tendenzen wahrzunehmen und unser inneres Repertoire zu erweitern.

Was ist mit Menschen, die Frauen oder Kinder vergewaltigen? Was ist mit einem Vater, der seinen Jungen würgt und in eine Schlucht wirft? Was ist mit Frauen, die ihr eigenes Kind töten, was ist mit Eltern, die ihr Baby verhungern lassen? Was ist mit dem unauffälligen Banker, der seine Familie mit dem Hammer auslöscht? Was ist mit einem Vater, der seine Tochter jahrelang in einem Verlies sexuell missbraucht? Jedes Schicksal, jedes Verbrechen hat andere Hintergründe, aber eines ist ihnen gemeinsam: Es fehlte vor dem Begehen von oft nicht nachvollziehbaren Verbrechen etwas Existentielles im Leben der potenziellen Verbrecherin, des potenziellen Vergewaltigers. Und wer von uns weiss, ob er nie an einen solchen Punkt käme?

Was hat das alles nun mit Pädophilie zu tun, fragen Sie – vielleicht ganz verärgert?

Viele Verbrechen, Übergriffe sexueller oder gewalttätiger Art werden nicht von pädophilen, sondern durchaus von heterosexuellen Menschen begangen. Sie werden aber nicht angezeigt und bestraft, weil sie heterosexuell sind, sondern weil sie ein Verbrechen begangen haben.

Pädophile Menschen sind so veranlagt, dass ihre primäre Zuneigung sich auf Kinder richtet. Ob diese Veranlagung angeboren oder erworben ist, ist nach wie vor ein wissenschaftlich kontrovers diskutiertes Thema. Pädophile Menschen sind nicht einfach und in erster Linie Unholde, aber sie haben ein schwieriges Schicksal, denn sie müssen lernen, ihre sexuellen Präferenzen in gar keiner Weise mit Kindern auszuleben. Daher erwähnt der Autor die Möglichkeit von Pornografie, die – lesen Sie bitte genau weiter – zum Beispiel mittels Computeranimationen und nicht mit Kindern – bereit gestellt würde.

Heute geht ein Aufschrei durch die Gesellschaft, wenn man von Pädophilie spricht oder gar sagt, solche weichen, feinen, zärtlichen Gefühle für Kinder, die im Inneren auch eine sexuelle Komponente haben dürfen, könnte uns allen eigen sein. Wenn jemand es wagt, die Pädophilie von sexuellen Übergriffen zu unterscheiden, hört er oder sie sehr schnell, sie würde verharmlosen, vernebeln, verdunkeln. Weshalb nur?

Warum wohl brauchen wir diese „Bösewichte“, auf die wir unsere ganzen Unzulänglichkeiten, unsere auch nicht so edlen Regungen schütten können und dies oft mit grosser Empörung tun?
Es gäbe aber auch die Variante, Zärtlichkeit, erotische und sexuelle Gefühle, aber auch potenzielle Gefährlichkeit, Bosheit, Gewalttätigkeit, Neid, Gier, Eifersucht bei sich selber zu sehen und zu anerkennen. Dafür könnte man Menschen mit einer pädophilen Veranlagung unvoreingenommener begegnen, sie respektieren und mithelfen, Präventionsmöglichkeiten zu schaffen. Pädophile Menschen, die die Bosheit aller Bürger auf sich vereinen müssen und in die Isolation gedrängt werden, sind bestimmt gefährlicher, als integrierte Menschen, die gelernt haben mit ihrer sexuellen Präferenz so umzugehen, dass sexuelle Handlungen an Kindern oder Zärtlichkeiten, die diese nicht wollen, nicht in Frage kommen. Gut integriert, können Menschen mit einer pädophilen Veranlagung unsere Gesellschaft bereichern, wie jede/r von uns.

Ursula Herzig

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