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21.November - wirklich ohne Ausweg?

ZUM TAG > Das Wort zum Sonntag 2010


Aufgezwungenes Dilemma - wirklich ohne Ausweg?


"Bernard Rappaz will sich zu Tode hungern. Das ist sein gutes Recht. Und dennoch verwerflich. Der rechtskräftig verurteilte Hanfbauer würde nämlich sofort wieder zu essen beginnen, entliessen ihn die Behörden aus dem Gefängnis." schreibt David Sieber in seinem Kommentar in der "Südostschweiz"


Er hat sich ja selbst eingebrockt, was er nun auszufressen hätte. Doch das verweigert er. Er will nicht ins Gefängnis und er will nicht essen, bis man seinem Begehren Folge leistet.


David Sieber stellt aus aktuellem Geschehen dem drohenden Hungertod von Rappaz den wahrscheinlichen Selbstmord des „mutmasslichen“ Lehrermörders Ded Gecaj im St. Galler Regionalgefängnis gegenüber.*

Dieser habe moralischer gehandelt als Rappaz.

Sicher, objektiv betrachtet, besteht zwischen diesem erpresserischen Verhalten von Rappaz und dem vermutlich selbstgewählten Tod Gecajs ein gewaltiger Unterschied (im wahrsten Sinne des Wortes!)

Wer sich ohne Ankündigung seines Vorhabens selbst umbringt, tut mit Planung und Ausführung der Tat „nur“ sich selbst Gewalt an. Was dazu führte und was es für andere noch für Folgen haben könnte, bleibe einmal dahingestellt.

Entscheidend in diesem Vergleich ist – wie Sieber richtig bemerkt - der Umstand, dass Gecaj mit seiner (mutmasslichen) Tat an sich selbst nicht zwingend Dritte in Gewissensnot gestürzt hat.

Ganz im Gegensatz zu Rappaz, der sehr viele Menschen mit seinem Handeln in Gewissensnot bringt und sie zwingt, einen Entscheid über Leben und Tod eines Mitmenschen fällen zu müssen. Nicht nur das: Ärzte sollen unter Strafandrohung durch die Macht des Gesetzes zum Handeln gegen ihren eigenen Willen gezwungen werden.
Rappaz nehme, so Sieber, die durch seine erpresserische Vorgehensweise Involvierten, in „eine Art Sippenhaft“.

Das sehe ich anders:

  • Nicht Rappaz nimmt andere in Sippenhaft,
  • Nicht Rappaz stürzt sie in ein moralisches Dilemma,
  • Nicht Rappaz löst Gewissensnot aus,

sondern die Macht des Gesetzes!


Die Gesetze und die damit verbundene Ausführungsbestimmungen sind es, welche diese Konflikte auslösen. Rappaz ist nur einer, der bis zur letzten Konsequenz darauf aufmerksam machen will, wie sinnlos Strafverbüssung ist, wenn diese nicht möglichst angepasst an die individuellen Eigenschaften eines Täter erfolgen kann.

Zudem stimmt es doch einfach nicht, dass seine Strafe nicht auch ein „politisches Urteil“ beinhaltet. Rappaz befindet sich zwar nicht im Kampf gegen ein diktatorisches Regime, aber gegen eines, das andere Ansichten und Gesetze hat, was den Umgang mit Hanf betrifft.

Das ist doch nachweisbar ein aktuelles und vieldiskutiertes sozialpolitisches Thema.

Ohne Strafe und Strafgesetzbuch kann leider keine gesellschaftliche Ordnung aufrecht erhalten bleiben. Die Frage ist aber, was Strafe bewirken soll. Ist es staatlich geforderte Rache an Gesetzesbrechern oder soll durch Strafe repariert werden, was durch den Täter kaputt gemacht wurde, wie das z.B. der Rechtsphilosoph Merkel empfiehlt?

So gesehen, liegt das Problem eben tiefer. Rappaz sieht für sich keinen Sinn in der Art der Durchführung seiner Strafverbüssung. Da lässt sich endlos über moralisches Recht diskutieren, ob Rappaz andere derart unter Druck setzen darf oder nicht.

Solange man nicht bereit ist, das Übel an der Wurzel zu packen und über Sinn und Unsinn von Strafverbüssungsmethoden zu diskutieren, kann diese Frage nicht befriedigend beantwortet werden.


*(Nebenbei bemerkt: Jetzt, seit er tot ist, wird nicht mehr vom „mutmasslichen“ berichtet. Jetzt war er es wirklich, auch ohne das allmächtige Richterwort. Eine vom Volk scheinbar obrigkeitsgnädige Macht-Anerkennung, dass jemand erst zum Mörder erklärt werden darf, wenn der Richter sein Machtwort gesprochen hat, auch wenn hundert Zeugen des Mordes seit Ausführung der Tat bezeugen könnten, dass ein Mörder eben ein Mörder ist!
Ganz anders, wenn ein „Pädophiler“ eines „pädosexuellen Verbrechens“ verdächtigt wird, da darf vom ersten Tag an ohne „Mutmassung“ - mit gutheissendem Presserat-Entscheid – in den Medien ein Mensch in seiner Existenz vernichtet werden, wenn er „zugegeben“ hat dass er „pädophil“ sei. Ganz egal, was dann irgend wann einmal wirkliche Tatsache ist, bzw. ob und was ihm allfällig Illegales nachgewiesen werden konnte. Um solche Nicht-Tatsachen reissen sich die Medien dann nicht mehr, wohl wissend, dass solches eine unkritische Masse nicht mehr zur Konsumlust animiert.
Wen interessiert es dann noch, dass der Angeschuldigte vor einem Neuanfang steht, sofern er die zur gesellschaftlichen Moral-Lektion inszenierte Gesinnungs-Vergewaltigung überstanden hat...?)

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