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18.Oktober - kein Hospiz mehr für Verzweifelte...

ZUM TAG > 2010 > Oktober 2010

Das Leben ist vergänglich,
doch die Spuren ihres Lebens,
ihrer Hände Werk und die Zeit mit ihr
wird stets in uns lebendig sein.

Todesanzeige

Sylvia Tanner-Baumer 25.4.1951 – 17.10.2010



Nach wenigen Monaten ist sie in Folge ihrer Krebserkrankung verstorben.

Ich hätte Sylvia von Herzen ein längeres Leben gewünscht. Nicht nur ihre Söhne und weiteren Angehörigen trauern um eine treubesorgte und sich selbstaufopfernde Frau, sondern eine ganze Menge von vor allem jungen Menschen, die mit ihrer Veranlagung, ihrer Hingezogenheit zu Kindern, nicht (mehr) zurecht kamen.
Sylvia beschrieb ihr Engagement für "Pädophile" so:


"Ich begleite die Betroffen auf ihrem Lebensweg, so lange sie selbst es wünschen - und das nicht nur, soweit es Sorgen und Probleme in Zusammenhang mit ihrer sexuellen Orientierung betrifft, sondern bezüglich allem, was sie in ihrem Leben beschäftigt. Ohnehin wäre die spezifisch sexuelle bzw. psychosexuelle Problematik nicht ohne Weiteres von anderen Facetten ihres Lebens zu trennen."


Sie wollte fast immer 24 Stunden im Tag bereit sein für Anrufe oder Besuche und verlangte nichts für ihre Hilfe. Für viele Hilfesuchende, vor allem aus Deutschland, war sie und ihr Haus so etwas wie ein Hospiz, ein Ort, wo sie verstanden wurden und neue Kraft für den harten Alltag tanken konnten.
In den ersten Jahren nach der Gründung von ITParcados waren auf dieser Website zwei Adressen für Beratung und Hilfe in der Schweiz zu finden, ihre und meine. Unsere Arbeitsweise und Hilfeleistungen waren sehr unterschiedlich, was ja allein schon dadurch zu erklären ist, dass sie eine Frau ist und nicht selbst direkt betroffen war.

Wie Sylvia dazu kam, sich mit dem Thema "Pädophilie zu befassen:
"Vor Jahren war unsere Familie mit einem Mann eng befreundet. Unsere Beziehung war herzlich, und wir verstanden uns gut. Er besuchte uns fast täglich. Eines Abends erzählte er uns, er stehe im Verdacht, sexuelle Handlungen an einem Kind vorgenommen zu haben. Wir waren fassungslos und konnten es nicht glauben. Erst damals gestand er uns seine Pädophilie.
Er sorgte sich vor allem um die Kinder, die durch die Polizei befragt werden würden. Drei Tage später wurde er verhaftet. Dies muss für ihn besonders schlimm gewesen sein. Er hatte also nicht nur seine Freiheit für eine gewisse Zeit verloren, sondern auch dauerhaft seine berufliche Existenz als ausserordentlich begabter und beliebter Lehrer. Kurz darauf nahm er sich das Leben.
Sylvia Tanner

Auszüge aus Gedenkzuschriften im JungsForum: Dort gibt es auch eine Gedenkseite:

"so wie ich jetzt ambivalente gefühle erlebe, wenn ich an sie denke. trauer um den grossen verlust, aber auch grosse dankbarkeit, sie gekannt zu haben und so viel von ihr fürs leben gelernt zu haben. vor allem hab ich das erste mal in meinem leben gelernt, was es heisst von einem menschen bedingungslos geliebt und verstanden zu werden. "

"Es war eine schöne Erfahrung, bei dir Gehör zu finden. Sich angenommen fühlen. Einfach mal in den Arm genommen werden. Über alles reden können."

"... schade, dass du so früh von uns gehen musstest. Du warst ein sehr wichtiger Mensch in meinem Leben und du hast mir viel von deiner Zeit geschenkt. Wir hatten viele schwierige, aber auch schöne und lustige Stunden miteinander - keine davon möchte ich missen."

"Meine Anerkennung gilt Ihrem oft aufopfernen Einsatz.
Ich kenne etliche Männer, für die sie "der letzte Strohhalm" war. Bei vielen ist ihr gelungen, sie aus ihrer fast irren Verzweiflung zu neuem Lebensmut zu verhelfen."

In den letzten Jahren hatte ich nur noch wenig Kontakt mit Sylvia und habe mich auch sehr bewusst von ihr distanziert, um sie mit meinem "Fall" nicht zu gefährden. Wie leicht hätten doch die Medien sie und ihre Arbeit auch noch hineinziehen und gefährden können! So war es auch gut, dass mein Beratungsangebot nicht mehr auf ihrer Homepage zu finden war.

Sylvia Tanner hat eine grosse Arbeit geleistet und hat fraglos vielen Menschen in ihrer Not geholfen, was nicht zuletzt auch der Gesellschaft und ihrer Angst um ihre Kinder geholfen hat. Selten nur fand ihre Arbeit auch öffentliches Interesse, aber sie suchte diese auch nicht und widmete ihre Zeit lieber ihren "Jungs"!

Auch wenn wir "das Heu nicht immer auf der gleichen Bühne hatten" (musste ja auch wirklich nicht sein!), habe ich immer grosse Hochahtung gehabt vor ihrem selbstaufopfernden Engagement und bin mir sicher, dass sie eine einmalige Leistung in dieser "Problematik" vollbracht hat. Sie hat es nie einfach als solche aufgefasst, im Unterschied zu den "Fachexperten", den Medien und einer sensationsgierigen Masse. Sie hat Menschen empfangen und mit Menschen gesprochen und deren Sorgen zu ihren eigenen gemacht!

Mit all jenen, die sie zu schätzen und lieben lernten, teile ich die Trauer und kann mich einfühlen in die schweren Gedanken der Endgültigkeit, die mit dem Verlust eines geliebten und geachteten Menschen verbunden sind.
Vielleicht wird Sylvia sogar einmal noch eine posthume öffentliche Ehrung erhalten
.



Aber wohl nur vielleicht...







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