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16.März - "Jetzt bloss keine Hexenjagd"

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Wer schreibt und denkt denn so was!?

J
etzt bloß keine Hexenjagd"
Von Josef Haslinger 13. März 2010, 04:00 Uhr



Dieser Text ist eine Grenzüberschreitung. Er hat auch in der Redaktion Diskussionen ausgelöst. Weil er provoziert und Gefühle verletzen könnte.“

So beginnt dieser Bericht, und die Redaktion druckt ihn als „Dokument.“

Wahrscheinlich will sie damit sagen, dass ein solcher Text etwa so zu betrachten sei, wie eine im Computer durch den Virenfilter isolierte Datei. Sie ist zwar da, aber sie könnte bei unbedachtem Öffnen gefährlich sein!

Was der Schriftsteller Josef Haslinger hier aus seiner Jugend erzählt, ist happig. Manch eine/r könnte dabei rot vor Scham, andere vor Wut werden, weil hier jemand so offen und so ganz anders von etwas berichtet, was sonst meistens nur angedeutet und nur eindeutig verurteilt wird.

Jede/r möge diesen Bericht selber lesen und sich selber dazu Gedanken machen. Ich kann mich selbst weder als mit dem Knaben, der er damals war, noch als Erwachsener, mit denen er es damals zu tun bekam, identifizieren.

Was mir jedoch Mut und Zuversicht gibt aus seinem Bericht, sind seine Gedanken und Appelle an die Gesellschaft und an Fach- und Aufsichtsleute, die sich mit „Pädophilen“ zu befassen haben.

Diese möchte ich hier zusammenfassen und einzelne Aussagen besonders hervorheben:

Als Haslinger zwölf Jahre alt war, habe sich erstmals ein Priester für seinen „kleinen Penis“ interessiert.Die sei

  • ein Zustand, den man als Zwölfjähriger eigentlich nicht kennt, wenn man nicht das Pech hatte, von seinen Eltern mit deren Sexualität belästigt worden zu sein.


Statt sich zu wehren, habe er „mehrere Etappen der Ausweitung dieser Spielchen“ mitgemacht.


  • Es kam mir nicht in den Sinn, ernsthaft dagegen etwas zu unternehmen. Und deshalb war ich auch nicht in der Lage, sie abzustellen.


Diese Kontakte hätten ihn verstört, und er habe lange Zeit darüber mit niemandem gesprochen. Ein Mitschüler habe den Eltern aber von seinen Erlebnissen erzählte Der Priester wurde zwangsversetzt. Haslinger fand es zwar einerseits mutig, dass sein Mitschüler darüber sprechen konnte, hielt es aber auch für einen Verrat.

  • Aber von da an habe ich natürlich gewusst, dass ich mit meinen Erlebnissen diejenigen, die sie verursachten, erpressen konnte; dass ich ein Mittel der Gegenwehr in der Hand hielt. Und ich habe auch gesehen, wie einfach das ist. Man redet darüber, und der Mann zieht den Kürzeren.


  • Als Kind, insbesondere als Internatsschüler, entwickelt man einen strategischen Sinn. Man kann fies sein gegen jemanden. Ich kannte dieses Mittel, ich habe es oft eingesetzt. Aber nicht gegen die Priester, die mit mir sexuelle Spiele veranstalteten.


Folgendes liest man selten:

  • Und was meine langsam erwachende Sexualität betraf, so gab es bald andere, die an die frei gewordene Stelle nachrückten. In mir hatten sie die richtige Wahl getroffen. Ich schwieg beharrlich.


Ein Junge, der es gerne hatte, wenn er für Sexspielchen ausgewählt wurde!

15 Jahre später schrieb Haslinger in einer Kurzgeschichte mit dem Titel "Die plötzlichen Geschenke des Himmels" wie ein Klosterzögling von seinem Religionslehrer vergewaltigt wurde. Wie er das tat, wird so offen geschildert, dass ich es hier lieber nicht zitieren will. Wie er dies damals formulierte, erklärt er heute damit, dass er dies wohl zu einer Zeit schrieb, als er schon Pornofilme kannte. Interessant ist, was er heute zu dieser doch recht schwerwiegenden Tatbeschreibeung meint:

  • Gerade diese Szene weicht am weitesten von der Realität ab.


Auch die Folge der Geschichte, dass der Erzähler aus dem Klosterinternat abgehauen sei, ohne jemandem die Gründe dafür plausibel machen zu können, bezeichnet er als eine „moralisch einwandfreie Fiktion.“ und meint dazu:

  • Würde gut in die heutige Debatte passen. Und gerade darum ist sie schlecht.


Also ein schlechte Geschichte, wie er sie heute nicht mehr schreiben würde.

Wie also denkt er heute über seine realen sexuellen Erlebnisse als Knabe?

Er sei - im Gegensatz zum Protagonisten in der Kurzgeschichte - aus dem Klosterkonvikt nie abgehauen, sondern habe immer nur davon geträumt.

Also waren es doch traumatische Erlebnisse? Doch da kommt die überraschende Bemerkung:


  • Aber nicht wegen der sexuellen Vorkommnisse.


Er bezeichnet heute die Kurzgeschichte als „eine moralische Anklage, nein, eine Entladung.“ Was waren die konkreten Folgen?

  • Ich hatte mittlerweile mit der Kirche gebrochen und wollte es ihnen heimzahlen, so drastisch wie möglich. Heute denke ich, es war vor allem das ständige Erniedrigtwerden bis hin zur allgegenwärtigen körperlichen Züchtigung, das im Nachhinein meine Hassgefühle hat wachsen lassen.


Das also waren die wirklich schlimmen Erfahrungen, die er mit der Kirche gemacht hat!

  • Die Pädophilen waren in dieser Sphäre von klösterlicher Gewalt eine Oase der Zärtlichkeit. Das Kloster war ein Exzess in dieser und jener Richtung.


Zu diesen Worten wage ich nur die Bemerkung: Das sind Worte eines „Missbrauchsopfers“!

Dieses „Opfer“ schreibt weiter dazu

  • Ich muss mir heute eingestehen, dass es viele Möglichkeiten gegeben hätte, die damaligen sexuellen Kontakte abzuwehren und zu unterbinden. Ich habe diese Möglichkeiten nicht genutzt.


  • Ich habe mich nicht gerade angeboten, dazu war ich zu schüchtern, aber ich habe, nach den ersten unerwarteten Annäherungen, schnell gesehen, wer aus einer bestimmten Neigung heraus sich umschaute. Und ich bin solchen Annäherungen nicht ausgewichen, sondern ich habe sie in gewisser Weise als Auszeichnung empfunden.


  • Ich wurde in die geheime, aufregende Welt der Sexualität eingeführt.


  • Ich war kein sozial gestörtes Kind, das hilflos dem Triebleben sakraler Päderasten ausgeliefert war. Ich war verstört, weil ich zu dieser Zeit ja auch noch ein sehr religiöser Mensch war und selbst Priester werden wollte. Die moralische Verstörung war weitaus übler als die erotische Konfusion.


Aus seinen Erfahrungen und seiner heutigen Sicht liegt es ihm daran,

  • „in einem Moment, in dem alle Welt sich plötzlich über solche Vorgänge entrüstet, als hätten sie keine Tradition, nicht nur über die Verstörung, sondern über alle Gefühle Auskunft zu geben.


  • Gefühle, die man gehabt hat, sollte man im Nachhinein nicht einfach zugunsten einer moralischen Entrüstung abschütteln, als hätte es sie nicht gegeben.


  • Es war nicht nur eine Last, ein solches Geheimnis zu haben, es war auch etwas Besonderes.


  • Ich verstehe, dass die Gesellschaft Pädophilen keinen Freibrief ausstellen kann. Aber ich weiß auch, dass sie zärtlich sind, fürsorglich, liebevoll und weitaus weniger egoistisch als man sich das gemeinhin vorstellt.


  • Sie hätten das gar nicht nötig, weil es Kinder gibt, die sich mit Neugier darauf einlassen. Ich wurde von diesen Erwachsenen sicherlich ausgenutzt, aber ich fühlte mich auch ernst genommen. Wir sprachen ja nicht nur über Sexualität.


  • Passen wir bloß auf, dass wir jetzt keine Hexenjagd inszenieren.


  • Die Kinder sind zu schützen, keine Frage. Und die Opfer haben ein Recht, gehört zu werden.


  • "Aber was machen wir mit den Tätern? Es hat einen guten Sinn, dass es im Gesetz Verjährungsfristen gibt. Dafür hat es einmal ein Rechtsempfinden gegeben.


  • Das Hauptaugenmerk kann doch nicht Tätern gelten, deren Straftaten verjährt sind. Alle Menschen sollen eine Chance haben zu lernen, wie man mit seinen Verhaltensweisen innerhalb des gesetzlichen Rahmens bleiben kann.


  • Und wenn sie es gelernt haben, dann haben sie sich mehr angestrengt als so mancher, der jetzt den moralisch Entrüsteten spielt, obwohl er die Fallen einer solchen Neigung nicht einmal ansatzweise kennt.


  • Das Hauptbestreben der derzeitigen Thematisierung von Pädophilie und Pädosexualität muss es sein, heutige Fälle aufzudecken und künftige zu verhindern.


  • Die Aufarbeitung der Geschichte ist für die Opfer von Bedeutung. Sie haben einen uneingeschränkten Anspruch darauf. Aber die Gesellschaft? Immerhin wird der Intimbereich von Menschen berührt. Von Opfern und von Tätern.


  • Egal wie er beschaffen ist, er steht unter dem Schutz unserer gesellschaftlichen Verfassung. Ich will diese Leute nicht am Pranger vorgeführt bekommen.


  • Am besten schützt man die Kinder, indem man den Pädophilen hilft, mit ihrer gesellschaftlich nicht gut integrierbaren Neigung auf eine Weise zurande zu kommen, die nicht das Strafgesetz berührt. Aber die derzeitige Kriminalisierungskampagne geht in eine ganz andere Richtung und ist damit nicht hilfreich. Es muss doch möglich sein, einem Menschen, der es offensichtlich nicht aus eigener Kraft schafft, sein Verhalten in den Griff zu bekommen, eine Form von Hilfe anzubieten, die ihm nicht gleich die Menschenrechte abspricht.


  • Wenn wir Pädophile mit Kinderschändern und Sexualattentätern gleichsetzen, haben wir zwar ein größeres Medienspektakel, aber es geht uns jeder Maßstab für sinnvolle Maßnahmen verloren.

das Thema wird nicht so schnell aus den Medien verschwinden...


>>> Beachten Sie auch die Sendung im mdr-Rundfunk mit Josef Haslinger, auf die ich
hier
aufmerksam gemacht habe!



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