tinjo's HOMEPAGE


Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü


15.März - Adolf Muschgs mutige Worte!

ZUM TAG > 2010 > März 2010

"Die Grenzen zwischen Missbrauch und Zärtlichkeit sind subtil"

Ein Interview mit Adolf Muschg

wirft in den Leserkommentaren hohe Wellen!


"Als ich jung war, wurde die Befreiung der Sexualität als Durchbruch einer neuen Kultur gefeiert": Adolf Muschg.
Bild: Keystone


Mutig, Herr Muschg!

Wie wohltuend für mich, dass einmal jemand so öffentlich Klartext verbreitet und es auf sich nimmt, vom Volk zerrissen zu werden!

Ich weiss, was das bedeutet. Adolf Muschg kann auf mehr Verständnis hoffen und hat mit seinen Aussagen ganz klar mehr Einfluss und aufmerksame Beobachter als ich.

Ich nutze die Gelegenheit, mich seinen Aussagen anzuschliessen und hebe jene hervor, mit denen ich mich voll identifizeren kann:

  • "Ich bagatellisiere Gewalt und Missbrauch in keiner Form - genau darum habe ich etwas gegen Hexenjagden wie diese jetzt. "


  • "Man kann auch aus Korrektheit Gewalt üben, bis in die Sprache hinein."


  • Ich " empfinde es als meine Pflicht, daran zu erinnern, wenn man einen Menschen heute schindet und pfählt, über den man gestern noch Hosianna gerufen hat."


  • Gerold Becker " wird nicht angeklagt, er wird besudelt, und wer sich da aufs Zuschauen beschränkt, macht sich mitschuldig."


Muschg sagt, was sich doch jeder vernünftige Mensch überlegen müsste: wer eine Ausbildung in einer Eliteschule absolvieren konnte, müsste neben Fachwissen auch gelernt haben,

  • wie " man mit Traumata anders umgehen lernt - und dafür auch Respekt und Aufmerksamkeit findet."


Und er stellt fest:

  • "Für die überwiegende Mehrzahl der Schüler trifft das auch zu: Sie haben diese Schule als Glücksfall erlebt und verdanken ihr viel."


Auf die Frage, ob sein Engagement in dieser Sache nicht ein Affront gegenüber all jenen ehemaligen Schülern der Odenwaldschule sei, die sich jetzt melden und sagen, sie trügen noch immer ein Trauma mit sich, meint er:

  • "Ja, dazu werden sie jetzt von allem Medien eingeladen. Dass man, wo so viel Licht ist, auch viel Schatten findet, überrascht mich nicht - davon wird das Bild der Schule nicht schwarz-weiss."


Die Zeit der "befreiten Sexualität", die als Durchbruch zu einer neuen Kultur gefeiert wurde, beurteilt Muschg heute als
" naiv und sogar missbräuchlich", wenn man "die Zwei- und Vieldeutigkeit des Erotischen" betrachtet,

  • - "aber ebenso missbräuchlich ist es, das Paradies heute als Hölle zu qualifizieren und die Gläubigen von gestern als Kinderschänder zu behandeln."


Auf den Hinweis Muschgs, dass Homosexualität früher auch kriminalisiert wurde, meint der Interviewer Rico Bandle, Kindsmissbrauch sei doch ein ganz unterschiedliches Thema.
"Schliesslich fügt man Kindern Schaden zu." Dazu Muschg:

  • "Der grösste Schaden entsteht in beiden Fällen durch seine Behandlung durch Kultur und Gesellschaft."


Er sieht auch das Dilemma, welches eben nicht mit "schwarz oder weiss" gelöst werden kann:

  • " Natürlich ist Nähe immer ein heikles und kostbares Gut; man kann sich dabei schwer vergreifen. Muss man sie darum ganz lassen?"


Sein Hinweis, dass andere Kulturen in dieser Sache anders gedacht und diese anders behandelt haben, fasst er zusammen mit der Feststellung:

  • " Wir haben es viel mehr mit einer kulturellen als mit einer moralischen Frage zu tun."


Zur Welle der Empörung über die katholischen Bildungsinstitutionen und dass man die dort herrschende Doppelmoral unerträglich findet, meint er:

  • " Wenn man jetzt aus Symmetriegründen auch noch die reformpädagogischen Anstalten, die genau diese Doppelmoral bekämpft haben, über den gleichen Leisten schlägt, wird mir unwohl. Die Stimmen ehemaliger Schüler aus den reformpädagogischen Anstalten sind längst nicht so ungeteilt, wie in den Hetzkampagnen der Anschein entsteht.


Er weist mit Recht darauf hin:

  • " Dass diese Sache auch eine dunkle Kehrseite hat, das bin ich nicht bereit einem Individuum anzulasten, wenn schon der "condition humaine", der menschlichen Grundverfassung."


  • "Erotik ist nie eindeutig und nie ohne Peinlichkeit."


  • " Sexualität geht nie auf, ist ein vom System gewollter Fehler, in den wir alle laufen; offenbar, weil er der Evolution dient. Dieser Fehler lässt sich nicht einfach kriminalisieren."


  • "Was noch vor einem Jahrhundert total verboten war, ist plötzlich nicht nur erlaubt, sondern gilt sogar als chic."


  • "Ich habe als Kind meine Eltern nie nackt gesehen. Es wäre aber Unsinn, wenn ich diese gehemmte Erziehung für alle Übel meines Charakters verantwortlich machen würde."


  • "Genauso Unfug ist das Gegenteil, wenn die Zärtlichkeit zwischen Generationen jetzt für alles Unheil der Welt verantwortlich gemacht wird. Bei diesem Schwachsinn muss man Gegensteuer geben."


  • "Don't take no for an answer." Wenn eine Frau sich entzieht, so ist das sicher keine Einladung zur Gewalt - aber ist es ein Verbot zur Werbung? Es kommt darauf an, nicht wahr? Warum soll diese Differenzierung nicht in jedem Fall gelten?"


  • Die Übergänge vom Unerlaubten zum Möglichen sind zu delikat und zu subtil, als dass man sie dem Rechenschieber der Pedanten und Moralisten überlassen darf. Und die führen heute das grosse Wort.


  • " Es ist ein medial aufgebauschtes Phänomen. Ich bin der Allerletzte, der Unzucht mit Kindern appetitlich oder sympathisch findet. Und ich glaube auch, dass Übergriffe an Kindern traumatische Folgen haben können. Was aber nicht geht, ist einfach zu sagen, dass das in vielen Kulturen und Epochen zwar normal war, bei uns aber unnatürlich und kriminell."


  • "Ein Minimum an Fantasie, an Lektüre des Mitmenschen, übrigens auch der Weltliteratur, muss einen davor warnen, mit dem Hackebeil zu moralisieren."


  • "Ich empfinde die Vulgarität der Demontage von Leuten, denen man geistig das Wasser nicht reichen kann, als nur zu begreiflich - davon wird sie nicht weniger abscheulich."


  • "Die Welt funktioniert nicht nach dem Muster des Silikonkristalls; Null oder Eins. Darum beneide ich Leute nicht, die nur in den Kategorien von Gut und Böse denken können."


  • ...dass man sich sehr wenig auf seine Grundsätze verlassen kann, fast so wenig wie auf seine Triebe. Diese Erfahrung mache ich im alltäglichen Theater des Lebens. Sie stimmt mich vorsichtig gegen mein eigenes Bedürfnis zum Vorurteil - und ungeduldig gegen solche, die das Vorurteil bis zum Menschenopfer treiben. Und es gibt Fälle, wo man sich gegen sie wehren muss. Sie machen die Welt einfältiger, als sie sein muss, und langweiliger, als sie ist. "


  • "Die Öffentlichkeit hat keine Lust, Fehltritte gegen Verdienste abzuwägen, und noch weniger kann sie sich vorstellen, dass Fehler und Verdienste zwei Aspekte derselben Sache sein könnten - einer zu wichtigen Sache, als dass man sie dem Schnellgericht überlassen könnte."


  • " Dass Verstehen in diesem Fall wichtiger sein könnte als Urteilen, kommt als Prinzipienlosigkeit hinüber - dabei wäre es nur der Anfang des Lernens. Aber es hat keine Stimme in der Öffentlichkeit des Hexengerichts."


Suche

Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü