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11.Oktober - Urbaniok macht's sich leicht

ZUM TAG > 2010 > Oktober 2010



Frank Urbaniok schützt seinen Sockel, auf dem er steht



und lässt für seine Sicherheit Menschen sitzen...



«Der Mensch ist gefährlicher als ein Raubtier»

sagt Frank Urbaniok, Chef des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Amtes für Justizvollzug des Kantons Zürich


„Schlimm bei Amtspersonen wie Frank Urbaniok ist, dass sie ziemlich kontrollfrei ihre persönlichen Sichten diskussionslos zu massgebendem staatlichen Rechtsverständnis machen können“, schreibt ein Mic Rasmussen in seinem Kommentar zum Interview im



Damit bringt er es genau auf den Punkt. Jenen nämlich, der hinter den unumstösslichen Bescheid gesetzt wird, dass Verwahrte heute höchstens dann noch entlassen werden, wenn sie wie durch ein Wunder auf einen Menschen mit Herz und Gewissen im Justizwesen stossen.
Das heisst, nur dann, wenn jemand genauer „über die Bücher geht“, bzw. alle Akten, auch die „langweiligen Gutachten“ und nicht nur die leicht lesbaren Gerichtsakten und Entscheide der "Fachkommission" studiert und vor allem mit Vernunft darüber nachdenkt, ob er das Recht hat, einem Menschen solch (end)gültige Prognosen zu stellen, dass er für den Rest seines Lebens seiner Freiheit beraubt wird.


"In Zürich mussten vor Jahren gefährliche Straftäter noch freigelassen werden. Frank Urbaniok, Chef des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes des Amtes für Justizvollzug, untersucht seit zwei Jahrzehnten Gewalttäter. Er traut dem Menschen alles zu. "




Weiterer Kommentar zum Interview im




Statistik des Bundesamtes für Justiz per Ende Juni 2010:

In Schweizer Gefängnissen sind
165 Häftlinge auf unbestimmte Zeit verwahrt.

  • Kantonen Zürich : 47,
  • Waadt : 32
  • Bern: 22



„Verwahrt werden nur noch hoffnungslose Fälle ohne Aussicht auf Therapierbarkeit“

sagt Urbaniok.

Für ihn ist der Kanton Zürich ein Pionierkanton weil dieser in der Regensdorfer Strafanstalt Pöschwies 24 Plätze geschaffen hat, wo gefährliche, psychisch kranke Sexual- und Gewaltstraftäter untergebracht werden.

Er hält es „für sinnvoll, dass hochgefährliche, unbehandelbare Täter lebenslang gesichert werden. Wenn es um Prävention vor Gewalttaten geht, dann interessiert das Risiko die Gesellschaft. Repression darf nie Selbstzweck sein.“

Heisst das mit anderen Worten, dass Zurückdrängung der Vermutung voraussehbarer Rückfälle nicht dazu führen darf, dass aus Hemmung vor den Konsequenzen für einen Täter, auf eine Verwahrung verzichtet wird?

„Wenn die Chancen sehr gering, das Rückfallrisiko und die Gefährlichkeit aber sehr hoch sind, geht es nicht um Therapie, sondern um langfristige – auch lebenslange – Sicherung.“

Das tönt sehr einleuchtend. Nur:

  • wer kann diese „Chancen“ verbindlich prognostizieren?


„Pädosexuelle sind in der Regel hochempathische Personen, die aber das Verhalten ihrer Opfer oft umdeuten. Grundsätzlich gilt nicht, dass jeder, dem Empathie fehlt, in seinem Verhalten nicht mehr veränderbar ist, andere mit Empathie aber schon.“

Was heisst das nun für einen „Pädosexuellen“? Ist sein Verhalten noch veränderbar oder nicht?


Wichtig in der Fragestellung sind für Urbaniok:

  • Was ist das Risiko in einem konkreten Fall?
  • Welche Massnahmen sind angemessen und verhältnismässig?
  • Welche Folgen hat ein bestimmtes Verhalten?
  • Wie kann man Verantwortung definieren?
  • Wie entsteht Respekt?


Gute Fragen, aber halten sie einer Prüfung seiner Antworten stand? Z.B., wenn man ihn konkret fragt:

  • Welche Straftäter sind für die Gesellschaft gefährlich?


Er unterscheidet zwischen „Persönlichkeitstäter“ und „Situationstäter“:

Persönlichkeitstäter:
Sie "haben sogenannte risikorelevante Persönlichkeitsmerkmale, also Eigenschaften, die mit einem Risiko für die Gesellschaft einhergehen.“

Solche „schaffen sich aufgrund ihrer Persönlichkeitsmerkmale gezielt entsprechende Situationen.“
und „zeigen auch unabhängig von Straftaten problematische oder risikobehaftete Verhaltensweisen.“

Situationstäter:
Ihr Verhalten bewegt sich
„im normalen Spektrum“. Ihre Tat oder ihr Verbrechen geschieht „nicht aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur, sondern aufgrund einer hochspezifischen Situation.“

So weit so gut, aber jetzt wird es problematisch, wenn er zwar richtig feststellt, dass zum Beispiel ein Pädosexueller ( also ein „Persönlichkeitstäter“!) „auch in einer ganz normalen Alltagssituation gefährdet ist, Sex mit Kindern zu haben.“ Er zeigt, dass bei Persönlichkeitstätern nicht unbedingt etwas schief gelaufen sein muss in der Sozialisation:
„Der Hauptweg zur Täterkarriere führt hier nicht über die Sozialisation, sondern über die Disposition. Viele Menschen haben aufgrund ihrer Disposition schon sehr früh stabile Weichen gestellt. Da hat sich dann im Alter von 14, 15, 16 Jahren meist schon sehr viel verfestigt.“

Wenn sich also bei einem Mensch schon im Alter von 14,15,16 Jahren die Disposition zu Pädosexualität verfestigt hat, hiesse das. dass der Betroffene ab diesem Alter „auch in einer ganz normalen Alltagssituation gefährdet ist, Sex mit Kindern zu haben.“ Er bedeutet also für die Gesellschaft, die Angst um ihre Kinder hat, eine latente potentielle Gefahr! Die Realität zeigt jedoch, dass im Verhältnis zu der vermuteten Anzahl "potentieller pädosexueller Täter" nur ein verschwindend kleiner Teil effektive strafbare Übergriffe verübt. (Über die Zahl pädophiler Menschen gibt es keine zuverlässigen Angaben. Vorsichtige Schätzungen gehen von 50.000 bis 200.000 pädophilen Männern in Deutschland aus.[27] Internationale Studien gehen davon aus, dass bei etwa 1 % aller erwachsenen Männer eine primärpädophile Ausrichtung vorliegt. Wikipedia )

Urbanioks Therapiemethode heisst
FOTRES" (Forensisches Operationalisiertes Therapie-Risiko-Evaluations-System) .

Er vertraut nur einer Therapie, welche sich auf die begangene Tat konzentriert:
„ Früher wollten Psychiater Akten und Vorgeschichte oft gar nicht kennen, sie wollten vorurteilslos an die Klienten herangehen, sozusagen die Schwingungen erleben. Ich halte dieses Vorgehen für einen groben Kunstfehler. Wie will man das Risiko analysieren, wenn man nicht genau weiss, was der Täter gemacht hat? In der Risikobeurteilung sind genaue Analysen des Tatmusters sehr wichtig. Das, was ein Mensch tut, und wie er es tut, ist nicht zufällig, sondern sagt etwas darüber aus, wie er funktioniert.“

Nochmals: so weit so gut,

  • aber wie geht er vor, wenn ein Verurteilter die Tat, die er begangen haben soll auch weiter bestreitet, während er seine Strafe absitzen muss? Das heisst, wenn er nicht bereit ist, sich einer deliktzentrierten Therapie zu unterziehen, weil er - nach seiner Beteuerung - dieses Delikt gar nie begangen hat?


Da gibt es scheinbar nur die (wohl massgebend von Urbaniok eingeführte) gängige Praxis, dass ein „zu Recht“ Bestrafter eben unfehlbar das getan hat, deswegen er verurteilt wurde und somit als untherapierbar gilt, wenn er sich in einer Therapie nicht mit der ihm angelasteten Tat konfrontieren lässt.

Im Interview weist Urbaniok darauf hin, dass er und seine Therapeuten in der Pöschwies „auf hoch rückfallgefährdete Gewalt- und Sexualstraftäter spezialisiert“ , also „sozusagen auf die Crème de la Crème“ (!)
Er hat es also „nur mit ausgeprägten Persönlichkeitstätern zu tun.“

„ Pädosexualität steht bei unseren Risikofaktoren weit oben.“,sagt er.

Ich kann nachvollziehen, dass seine Therapie funktionieren mag, wenn es sich z.B. um Täter mit einem Dominanzfokus handelt. „ die Macht ausleben und andere Menschen kontrollieren wollen.“
Auch dann, wenn „deren Weltanschauung die Delinquenz fördert.“

Er unterscheidet drei Ebenen:

  • Schuld,
  • Risiko,
  • Veränderbarkeit.


Schuld und Schuldfähigkeit haben Bedeutung für die Strafzumessung.


Da muss untersucht werden ob ein Täter krank ist und ob er eine psychiatrische Diagnose hat.


Ganz anderes verlangt aber die Gesellschaft.
Für sie sind zwei andere Fragen zentral:

  • Ist der Täter gefährlich?
  • Ist das Risiko veränderbar, also beeinflussbar?


Urbaniok :
„Die Risikobeurteilung ist der Schlüsselprozess für jede Prävention. Der Kern der Risikoanalyse ist es, dass alle risikorelevanten Merkmale einer Person vollständig und in ihrer Bedeutung angemessen erkannt werden.“

Dabei beruft er sich auf zwei Informationsquellen:

  • die Tatmusteranalysen
  • die Erfassung der Persönlichkeit des Täters.


In der Therapie werden Tat und Tatverlauf genau analysiert. Auch wird versucht, möglichst viel über die Persönlichkeitsmerkmale des Täters herauszufinden.


„Wir haben dann also Tatmerkmale und Persönlichkeitsmerkmale. Aus diesen Persönlichkeitsmerkmalen müssen dann die Tatmerkmale erklärt werden können. Diese Erklärung nennt man Deliktmechanismus. Ist er erkannt, haben wir schon die halbe Risikokalkulation.“

Nun wird noch klarer, dass es für einen verurteilten Delinquenten kein Entrinnen aus den Zangen der Justiz mehr gibt, wenn er sich nicht aufgrund seiner angeblichen Tat therapieren lässt, weil sonst der Deliktmechanismus für einen eventuell erfolgreichen Therapieverlauf ganz einfach nicht funktionieren kann!

Bezeichnenderweise führt Urbaniok ein Beispiel an, das einer seriösen, nicht nur auf seine Therapiepraxis fixierte Theorie, nicht standhalten könnte:

Er erwähnt einen pädosexuellen Täter, der das übliche Therapieprogramm durchgemacht und zu diesem Zeitpunkt seine Therapie seit drei Jahren abgeschlossen.hatte. Dieser Mann sei in dem Moment bei einem pädosexuellen Kollegen gewesen, als dieser von zwei dreizehnjährige Knaben besucht wurde.
Er habe nun „vorbildlich reagiert“, indem er sofort die Wohnung verlassen habe, ohne „die Knaben anzuschauen.“ Er erwiderte den Gruss eines Knaben nicht, weil er „wusste“, dass eine Gefahr besteht und „es“ wieder geschehen würde.

Urbaniok meint:

„ Der Mann hat gelernt, wie er mit einer hochriskanten Situation umgehen kann.“

Noch einmal so weit so gut,

  • aber welche Gefahr bestand dann wirklich, wenn scheinbar freiwillig zwei Knaben einen (pädosexuellen?) Mann besuchen?


Sicher, die Versuchung wäre da, dass er sich mit diesen so abgibt, wie die beiden Knaben es wohl nicht zum ersten Mal erlebt haben. Was aber spricht dagegen, wenn sie freiwillig wieder zu diesem Mann kommen? Wohl nur eines:
das bestehende Gesetz, das grundsätzlich jeglichen Kontakt zwischen einem „Pädosexuellen“ und einem Minderjährigen verbietet, weil es nicht anders sein kann, als dass „es“ geschehen würde. Das nämlich, was die Knaben sich von ihrem Besuch erhofften.

  • Wäre das etwas so Schlimmes gewesen?
  • Warum erfahren wir nicht, was der ehemalige Strafgefangene verbrochen hatte und was ihm angeblich „wegtherapiert“ wurde?


Man mag mir nun vorwerfen, dass ich aus meiner Position gut so argumentieren könne und dass ich versuche, die geschilderte Situation zu verharmlosen.

Das lasse ich gelten, sofern Gleiches mit Gleichem verglichen wird:

  • Wie weiss Urbaniok, ob dieser ehemalige Therapie-Klient erstens die Wahrheit sagte und dieser zweitens so überzeugt war, dass er etwas Schlimmes getan hätte, wäre er in der Wohnung seines Kollegen geblieben?


Urbaniok schloss dieses Beispiel mit der Bemerkung, dass dieser Mann damit einverstanden gewesen sei,
„der Polizei einen Hinweis zu geben, die Aktivitäten des Kollegen näher unter die Lupe zu nehmen.“

Ist das der gewünschte Erfolg von „FORTRES“, dass sich Kollegen untereinander nicht mehr trauen können? Wenn schon, dann hätte dieser „Gefährdete“ seinen „pädosexuellen Kollegen“ schon gar nicht mehr treffen dürfen. Hat die Therapie vielleicht versagt!


„Der Begriff der Verwahrung ist inzwischen dermassen stigmatisiert und aufgeladen, dass er nicht mehr zu gebrauchen ist und es für den Vollzug kaum mehr einen Spielraum gibt. Dabei soll man nicht vergessen, dass 99 Prozent aller Täter eine begrenzte Freiheitsstrafe haben und irgendwann wieder auf der Strasse stehen.“

Für einen sich zu Unrecht verwahrt Fühlender ist es mehr als ein Schlag ins Gesicht, wenn er liest:
„ Die Grausamkeit einer Tat allein begründet noch kein Risiko. Aus fachlicher Sicht bräuchte es hier keine lange Freiheitsstrafe. Dem steht aber das Bedürfnis der Opfer und der Gesellschaft nach Sühne entgegen. Tat und Strafe müssen in einem Verhältnis stehen, das ist die Voraussetzung, dass der Staat das Gewalt- und Strafmonopol hat und es damit keine private Rache mehr gibt.“

Verglichen mit dem zuvor angebrachten Beispiel wird klar, wo Urbaniok die grössere Gefahr sieht. Es ist nicht die „Grausamkeit einer Tat“, denn eine solche hätte der „Pädosexuelle“ im obigen Beispiel sicher nicht vorgehabt. Es ist auch sehr unwahrscheinlich, dass der Kollege, der vom „Therapierten“ an die Polizei verraten wurde, ein solche je vorgehabt hätte (sonst kämen die Knnaben ja nicht freiwillig auf Besuch!)

Da tönt es doch sehr zynisch und bequem, wenn Urbaniok bemerkt es sei nicht Teil der „FOTRES“- Therapeuten so zu handeln, dass es für ein schwer traumatisiertes Opfer nicht zu einem „Schlag ins Gesicht“ gereiche,
„wenn der Täter mit einer bedingten Strafe davonkommt.“
Das heisst also, dass er eher einem Gewalttäter (der nicht in sein Therapiemodell passt) eine günstige Prognose zugesteht, als z.B. einem Pädosexuellen, der nicht in seiner Therapie war.

Ich verstehe, dass aus dem Volk der Ruf nach härteren Strafen erschallt, wenn sie das hören, was Urbaniok sagte. Ich wiederhole es:

„ Die Grausamkeit einer Tat allein begründet noch kein Risiko. Aus fachlicher Sicht bräuchte es hier keine lange Freiheitsstrafe.“


Entlastend sei bemerkt, dass er immerhin Mühe hat, wenn bei schweren Gewaltdelikten für die Täter bedingte Strafen ausgesprochen werden.

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