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10.Februar - geistige Rezession?

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Dienstag, 10.Februar 2009

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Kontext :

Stecken wir auch in einer geistigen Rezession?

Adolf Muschg: Bestürzt über die Ratlosigkeit der Finanzwelt.

Wann immer Politik und Wirtschaft nicht mehr weiter wissen, schaut man erwartungsvoll in die Ecke der Intellektuellen: «Was ist eure Meinung?» Doch in der gegenwärtigen Rezession schweigen die Schriftsteller, die Theaterleute und die Philosophen.
In den Krisenjahren des letzten Jahrhunderts sprühten sie oft vor geistiger Energie, doch im Moment benehmen sie sich, als seien sie für dieses Jahrhundert nicht mehr zuständig. Stecken wir also auch in einer geistigen Rezession? Fragen an den Schriftsteller Adolf Muschg.



Adolf Muschg hat die Ratlosigkeit der "das Geld der Welt verwaltenden, es vermehrenden, mit ihm spekulierenden Kaste“ am meisten bestürzt.

„Plötzlich standen sie wie dumme Jungen mit abgesägten Hosen da!“

„Ausser dem Motiv, Geld zu vermehren war kein ernsthafter Boden unserer Zivilisation mehr zu erkennen!“

Es wurde mit rein virtuellen Grössen jongliert. Dass jetzt alles was damit angestellt wurde, zurückschlagen könnte in alle Haushalte, bis zu den Kleinstverdienern welche nun die Zeche bezahlen müssen für diese Spekulationen, sei
„im Grunde ein Weltuntergang, der als solcher nicht regristriert wurde und nicht verarbeitet wurde“ Die Regierungen und Politiker, die das jetzt auffangen und aufarbeiten müssen hätten seit Jahrzehnten in denselben Kategorien gedacht.

Das Problem unserer Zeit bestehe darin, dass betriebswirschaftliche Terminologien, Kosten – Nutzenrechnungen, auf allen Etagen unserer Gesellschaft zum Sachzwang geworden sind.

Dies gelte z.B. auch im Bildungswesen. In der Bologna-Reform entdecke man den Jargon der Betriebswissenschaft. Ersichtlich sei es im ganzen „controlling“, d.h., dass „Hochschule Leuchttürme der Exzellenz werden müssen" und dass dies mit Bildung nichts mehr zu tun habe. Zwar würden Inhalte und Werte verlangt, aber die Art, wie sie produziert werden, verhindere dass sie zur Geltung kommen.

"In diesem Narrenschiff haben wir nun Jahrzehntelang gelebt!"


In welches Schiff sollten wir umsteigen?

Adolph Muschg stellt in Frage, ob es der richtige Weg ist, wenn möglichst schnell wieder alles so wird, wie es war.

Er vergleicht es mit dem Drogensüchtigen, dem sein Stoff entzogen wird und der sich nichts anderes wünscht, als dass er wieder zu dem kommt, was ihn vor Entzugserscheinungen bewahrt.


Er fragt sich, ob nicht Verzicht auf vieles, das uns noch unverzichtbar erscheint, besser wäre als weiteres Teilnehmen an der Wachstumsgesellschaft.
Wäre nicht manches sogar bequemer ohne den ständigen Zwang zu mehr. Vielleicht könnte das Leben schöner, würdiger sein, ohne den "Zauber" der Konsumgesellschaft!

Allerdings sieht er auch die Grenzen, die uns durch unsere gesellschaftsbedingten Denkmuster gesetzt sind.

Die Natur hält uns zwar Beispiele bereit, aber auch früherer Kulturen, dass Wachstum und Grösse seine Grenzen hat und beides zum Untergang führen kann. Beim Krebs führt bösartiges Wachstum zum Tod!

  • Wachstum ist also keine Überlebensgarantie.


  • Wäre es nicht Zeit für einen Paradigmawechsel?


  • Loslassen können, verzichten, überlegen, ob ich das alles wirklich brauche?


Es wird nicht so leicht geschehen. „
Schreck der uns durch die Glieder geht, muss uns materiell treffen“, meint Muschg.

Er sieht ein Chance darin, dass der Mensch zum Glück ein sich selber noch recht unbekanntes Wesen sei, also noch grosse Entwicklungschancen hätte, wenn er die richtigen Konsequenzen aus seinen Erfahrungen zieht.

Er erinnert daran, dass Dinge gesdchehen können, die niemand so vorausgeahnt hat, wie z.B. der Mauerfall in Berlin.
Und an Brecht, der gesagt hat:
“Weh dem Land, das Helden nötig hat!“

Worauf Muschg erwidern möchte: „Weh dem Land, das so gute Leser nötig hatte wie die DDR!“ und damit sagen will, dass er in der DDR die aufmerksamsten Leser antraf, weil sie nach mehr Sinn in ihrem Leben suchten. Doch aus sie haben sich heute eingegliedert in die Gesellschaft, in der solche Dinge geschehen können, wie wir sie jetzt erleben.

Wahrscheinlich müssen wir die anthropologische Seite dessen, was da läuft, ernster nehmen und uns immer wieder fragen:

  • wo haben wir uns enorm über uns selbst getäuscht,
  • wo machen wir uns etwas über uns vor,
  • wo reden wir etwas schön, was sich in Wirklichkeit ganz anders verhält „


„Wir wollen offensichtlich Blut sehen, aber da wir es nicht selber vergiessen wollen, ist der Krimi das geeignete Medium dafür „

„Wir wollen mal richtig pornografisch leben, aber da die meisten von uns – durch welche Umstände auch immer- daran gehindert sind, gibt es die Repräsentation dieses Bedürfnisses in einer ganzen Industrie.“

„Von nichts kommt nichts. Das muss ja in uns eingeschlossen sein. Die abscheulichsten Dinge, wie Kinderpornografie oder Vernichtung von Minderheiten, muss in uns angelegt sein, und verlangt eine nicht rechthaberische und nicht pharisäerische und doch entschiedene Antwort.“

„Das finde ich etwas vom Schwierigsten in unserer Kultur: Fragen die wirklich äusserst unbequem sind, weil sie sich auch an unsere eigenen Bedürfnisse richten, uns diesen Fragen zu stellen, sie andern zu stellen, sie für sich selber ehrlich und nicht für sich selber schmeichelhaft zu beantworten ."

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